Samstag, 11. November 2017

Wie muss ein guter Blogtext beschaffen sein?

Gestern abend - nach der NDR-roadshow in der rbb-Dachlounge, bei der das neue NDR-Konzept zum ESC 2018 vorgestellt wurde - eine inspirierende kostenlose Umfrage auf Twitter: 

Liebe Follower, was macht eurer Ansicht nach einen guten Blogbeitrag aus? Welche Komponenten sollte er enthalten? Wie sollte er formuliert sein? 

Hier die Antworten eines deutschen Twitter-Panels: 

Er sollte sich auf sein Thema konzentrieren, kurzweilig sein und auf zu viele weiterführende Links verzichten. 
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Dazu hat Aristoteles schon alles gesagt 
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Er muss einfach 1 stabilen grind fahren dann gehts schon 
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Epigramme, Glossen und Madrigale. Gern auch Formgedichte 
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Er sollte alle wesentlichen Komponenten enthalten und sehr gut formuliert sein. Einfahc halt so, das 1 Leser foll apgehd bein lesen. 
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Ehrlich sollte er sein und ein bisschen lustig... 
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Respektvoll, bescheiden und voller Anmut. 
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Witzig 
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Man sollte nicht erkennen können, dass sich der Blogger selbst für klug hält oder sich moralisch überlegen fühlt. 
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Nur nie geschriebene Blogartikel sind gute Blogartikel. 
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Wenn das beantwortbar wäre, gäb's nur gute Blogbeiträge. Dieselbe unbeantwortbare Frage, wie man einen Hit produziert. Das entscheidet allein die Zielgruppe - hinterher. 
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Samstag, 4. November 2017

NDR lässt sich für Vorentscheidung zum ESC maßgeschneidertes Publikum anfertigen

Das erinnert spontan an Joachim Gauck: „Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem“. Deswegen müssen sie ausgetauscht werden, und beim ESC kann man das schon mal testen. 

Auf die wachsende Legitimationskrise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks reagiert der NDR mit Disqualifikation des deutschen Publikums, das für die ESC-Niederlagen verantwortlich sei und tauscht es mit dieser Begründung gegen ein international zusammen gebasteltes Publikum aus. Als Sanktionsmaßnahme müssen die Deutschen diese Demütigung mit GEZ-Gebühren finanzieren, was wiederum ein schöner Aufhänger für Identitäre und AfD sein dürfte. 

Kniefall vor denen, die den Deutschen nie Punkte geben 
Jüngste Pressemitteilungen könnten fast als Hilferuf einer verkannten nationalen Rundfunkanstalt an die internationale Gemeinschaft missverstanden werden, wenn sie nur nicht alle in deutscher Sprache geschrieben wären: „Internationaler Publikumsgeschmack und internationale musikalische Fachkompetenz sollen Deutschland wiedererkennbar, kantig und erfolgreich machen.“ Ob wirklich Fachkompetenz gefordert ist, sei dahin gestellt. Schaut man sich das Verfahren genauer an, kann es eigentlich nur um die Forderung nach „richtigen“ Vorlieben und „richtigem“ Verhalten gehen: "Wir möchten dich besser kennenlernen. Dazu musst du 15 Minuten aufwenden, in denen du uns durch 2 x 6 Video-Bewertungen deinen Musikgeschmack zeigst."  

Das nationale Publikum hat die falschen Vorlieben und verhält sich falsch
Es ist lt. NDR selbst bei trivialen Abstimmungen nicht fähig klug zu entscheiden. Dass man es jedoch immer nur zwischen Pest und Cholera entscheiden lässt, wird verschwiegen. Dass es am Schluss überhaupt noch am Telefonvoting teilnehmen darf, ist wohl nur den kommerziellen Interessen der Telekommunikationsindustrie zu verdanken, so wie der NDR ohnehin auch in seinem neuen Konzept ausschließlich der Industrie verpflichtet zu sein scheint. 

Data-Mining zur Vermeidung der Bildung einer kritischen Masse
Unterstützung holt man sich von der Datenanalysefirma Firma Simon-Kucher & Partners. Diese sammeln Nutzerdaten und haben für die Ermittlung eines Verbraucher-Panels einen speziellen Algorithmus entwickelt. Als Laie denkt man bei dieser Art Algorithmen an Facebook und Amazon, die die User unaufgefordert mit Werbung belästigen, welche angeblich zum Profil passe. Manchmal gibt es auch willkürliche Sperren

So ein Algorithmus setzt aber beim NDR-Konzept voraus, dass man im Voraus eine genaue Vorstellung vom Siegerbeitrag hat. Tatsächlich ermittelte der NDR auf Grundlage „vorher definierter musikalischer Genres“ 5 potenzielle Siegersongs. Ich befürchte, dass der Algorithmus rein rechnerisch zu den 5 Siegersongs die passenden Jubelscharen rekrutiert. 

Weitere Nutzerdaten zu Geschmack und Verhalten stammen von der Kölner Firma Digame, die seit Jahren für das Votingverfahren beim internationalen ESC verantwortlich ist – und deren Ergebnisse noch nie von unabhängigen Journalisten überprüft wurden. Die Daten der europäischen Anrufer werden also tatsächlich für Profiling und Wiederverwertung gespeichert. Achtung: Wer für die russischen Beiträge angerufen hat, ist als Kreml-Troll gebrandmarkt. 

Statistiken suchen Statisten 
10000 Europäer werden im Internet beobachtet, im mehrstufigen Auswahlverfahren überprüft, daraus 100 rekrutiert, diese stellen das sog. internationale Europa-Panel. Diesem Panel wird eine internationale Experten-Jury aus ca. 25 Personen beigesellt, die schon in anderen europäischen Ländern an Abstimmungen bei Vorentscheidungen mitgewirkt haben. Das Europa-Panel wählt aus Bewerbungen 20 Kandidaten aus, daraufhin prüft der NDR die Eignung dieser Kandidaten. Danach wählen das Europa-Panel und die Expertenjury 5 Teilnehmer für die Vorentscheidung im TV. Diesen 5 ESC-Hoffnungsträgern werden dann die vorher ausgewählten 5 Songs zugewiesen. 

Mit Musik und Mitbestimmung hat das Ganze nichts mehr zu tun 
Medien wünschen kein echtes Publikum mehr, das Publikum soll keinen Wert mehr auf „Credibility“ legen. „Glauben“ soll man stattdessen an intransparente Ergebnisse und Verfahren maschinenmäßiger Abstimmungsprozeduren, die zu gegebener Zeit mit den genauso künstlichen Rankings der Wettbüros korrespondieren und von künstlich erstellten Pressemitteilungen massenhaft beworben werden. 

Und was sagt der ARD-Programmdirektor Volker Herres? 
"Ganz ehrlich gesagt will ich in meiner Amtszeit gar nicht so unbedingt noch mal gewinnen, denn dann ist man im nächsten Jahr Gastgeber, und das ist teuer."


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Sonntag, 1. Oktober 2017

Identitätsverwirrung und sprachloses Unbehagen am Beispiel Conchita Wurst

In einem Welt-Interview betont Conchita Wurst alias Tom Neuwirth: "Ich liebe Männer, wie gesagt - aber als Mann." Das ist ein klares Statement, und als solches normal. Was an Neuwirth als besonders hervorgehoben wurde war, dass er als eine Frau mit Bart, Perücke und falschen Wimpern im Abendkleid posierte. Mit einer Überflut an „sprachlosen“ Fotos und schwammiger Schwärmerei wird dieses Kunstprofil dem Medienpublikum geradezu um die Ohren gehauen. 

Leider zu auffällig und zu oft wurde Conchita Wurst von 2014 bis 2016 provokativ in einem Nevativbezug zu Russland ins Feld geführt. Aber irgendwie zündete das in Russland nicht. Stattdessen vermehrt sich trotz solch glamourösen Erfolgs in Deutschland wieder die anti-schwule Gewalt. Ich sehe in überzogenen Medienhypes und anti-schwuler Gewalt einen Zusammenhang.*

Hat es sich ausgewurstet? 
Seit Februar 2017 hört man von Conchita Wurst neue Töne: „Ich habe mich nie als Frau gefühlt. Ich liebte es bloß mich zu verkleiden.“ Tom Neuwirth hat keine Lust mehr auf sein Kunstprofil, zumal er damit nach eigener Aussage alles erreicht hat: „Seitdem habe ich vor dem EU-Parlament gesprochen, den früheren UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kennengelernt, konnte für Jean Paul Gaultier laufen, habe Céline Dion getroffen und wurde von Karl Lagerfeld fotografiert.“ 

Für Fans und Promoter in Politik und Medien droht das demaskierte Wurstpaket zur Peinlichkeit zu werden. Seit 2014 klammern sie sich an mediale Dauerschleifen:
  • Diverse Newsseiten: „Der Auftritt in Kopenhagen machte [Wurst] zur Galionsfigur der Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgender-Community und zur Botschafterin für Toleranz“.
  • taz:„Conchita Wurst, das war eine Art Martin Luther King der LGBTI*-Szene mit hoher Akzeptanz in den libertären Heteromilieus.“
Und nun entpuppt sich das Bollwerk der Freiheit, Selbstbestimmung und der Menschenrechte plötzlich als ein lediglich verkleideter Karnevalsgeck?  Jan Feddersen versucht in der taz diese Peinlichkeit abzuwehren, kann dabei aber auch wieder nur auf‘s Optische verweisen, indem er die zuvor irritierende Glamourhülle nun als einen verzichtbaren Panzer bezeichnet. Besser wäre es gewesen, den übertriebenen Medienhype und die eigene Verführbarkeit durch Massenmedien zu hinterfragen. Was hat es noch mit Emanzipation und Toleranz zu tun, wenn um eine Kunstfigur wie Conchita Wurst ständig der Menschenhass gegenüber Nicht-Nato-Länder geschürt wird? 

Verführung auch im Europa-Parlament 
Grundlage des Auftritts der Wurst im Europa-Parlament waren neben einem lediglich verkleideten Mann vor allem ungeprüfte Abstimmungsergebnisse einer Unterhaltungsshow (ESC). Um es modischer auszudrücken: Ein Fake! 

Mit Fotos, Fake und Kitsch eines inhaltslosen Schlagersängers haben Europa-Politiker sich selbst und ihre Arbeit trivialisiert. 

Und dann entpuppen sich ausgerechnet die toleranzbeseelten Politiker gegenüber jeden Zweifel als "sprachlos" und intolerant. Nur AfD-Mitglied Beatrix von Storch hinterfragte Sinn und Kosten dieses Auftritts und sprach damit wahrscheinlich einer überrumpelten Mehrheit aus der Seele.

Neues Kunstprofil „treues Chamäleon“ 
Als politische Provokation vor allem Russlands ist das Projekt Conchita Wurst vorerst gescheitert. Es sieht so aus, als müsse der Rest an Selbstbestimmung, den Neuwirth an den Tag legt, abgebogen werden, um ein Vorbild der Dauer-Sexualisierung und Identitätszertrümmerung am Leben zu erhalten. 

Doppeldeutige Androhungen von Anonym im Boulevarblatt BUNTE belegen, dass „wir“ (wer soll das sein?) uns nun auf eine Chamäleon-Nummer einzustellen haben: „Wenn Tom Neuwirth heute erklärt, eine Geschlechtsumwandlung sei für ihn nie ein Thema gewesen, mag das wichtig für ihn sein. Für uns aber nicht. [Hallo?] Eine Frau mit üppigem schwarzen Bart oder ein Mann mit üppigem Dekolleté, beides ist ein Stück Bühnen-Neuland. Solange sich Neuwirth treu bleibt, bleiben wir es ihm auch, Conchita hin oder her.“  

Nicht Putin, sondern Medienhypes und sprachloses Unbehagen erzeugen Homophobie 
Die Beliebtheit der Kunstfigur Wurst ist künstlich gemacht. Die mir bekannten Homosexuellen befürchten eher, dass mit Fakes, Hetze und einseitigen Medienhypes die Bevölkerung genervt, eingeschüchtert und wieder gegen Schwule aufgebracht werden soll. Aber diese Schwulen haben in Politik und Medien keine Stimme. Vermehrte Übergriffe gegen Schwule mögen belegen, dass diese Strategie sogar aufgeht. 

*Conchita Wurst ist nur ein Beispiel von vielen, mein Fokus ergibt sich aus dem Thema meines Webblogs, dem Eurovision Song Contest


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Sonntag, 17. September 2017

Allahu Akbar

Allahu Akbar ist aus dem Islamischen und heißt "Gott ist am größten". Im Alltagsgebrauch wird es auch wie "Oh, mein Gott!" verwendet. Seitdem Medien täglich von Selbstmordattentätern berichten, die diesen Ausspruch vor ihren Anschlägen ausrufen, bekommt Allahu Akbar in unserer Gesellschaft eine zunehmend negative Konnotation. Mir sind diese Worte als Liedtitel eines pakistanischen Musikstückes von Shuja Haider begegnet und sie stehen für mich seitdem für vollendete Harmonie zwischen Orient und Okzident.



Seit 2008 betreibt Coca Cola in Karachi/Pakistan ein Musikstudio und gibt pakistanischen Musikern die Möglichkeit, ihre Musik auf hohem Niveau einzuspielen und sich damit in einer TV-Serie und im Internet bekannt zu machen.  Das Ergebnis scheint mir wie auf meine westlich sozialisierten Ohren zugeschnitten. Wie diese Fusion zwischen Ost und West in der islamischen Welt wahrgenommen wird, kann ich nur den Kommentaren im Internet entnehmen. Beispiele:
  • Very nice Love from Saudi Arab
  • Assalamualaikum. Beautiful Song!! - love from Bangladesh! Jazakallahu Khairan :)
  • There was not a second when the goosebumps left my body throughout this beautiful piece. So much soul! To say that it is moving is such an understatement! Love from India! Praying for friendship, brotherhood and love!
  • allahu akbar ya salaaam love from Somalia
  • BBC CNN say muslims blow after saying Allah HU Akbar look they made a mesmerising tune out if it proven that this time they blew it in a different way u have knife now its down to you to cut an apple with it or a human same Allah hu Akbar is a word associating it wid terrorism is unfair. Anyways this Hamd should be played in UN assembly.
Auf der Suche nach neuen musikalischen Sounds
Die Musikstücke werden in Serien (Season) ausgestrahlt, mittlerweile ist man bei Season 10. Nach meinem Geschmack wirken die späteren Session im Vergleich zur ersten, wo man noch vor Publikum spielte, schon etwas dressiert. Gerade bei der fantastischen ersten Session hatte ich das Gefühl, afghanische und pakistanische Musiker wollten nahtlos bei Woodstock ansetzen und auf hohem Niveau weitermachen. Das Hörerlebnis war wie eine Zeitreise in die 70er-Jahre-Discotheken meiner Jugend, im folgenden Stück meine ich vor allem beim Mittelteil auf einem fliegenden Teppich Richtung Asien zu schweben

Schon als Jugendliche faszinierten mich Folkmusik und psychedelische Musik von z. B. Jeffersen Starship, Aphrodite's Child oder Ravi Shankar. Hingebungsvoll lauschte ich den Bemühungen der Incredible String Band, östliche Musiktradition und Philosophie in ihren Musikstücken zu verarbeiten. Das alles scheint rückblickend nur eine Übung gewesen zu sein für das, was Coca Cola in Pakistan seit 2008 möglich macht.

Offenheit zwischen Ost und West
In der islamischen Musiktradition steht der Gesang zentral, die Sänger sind herausgefordert je nach Gefühlslage die Melodien zu variieren und zu improvisieren, was für westliche Ohren oftmals als „schief“ oder „klagend“ empfunden wird. Dieses Gefühl wird noch durch Begleitmusik in Tonsystemen mit Mikro-Tonschritten verstärkt.

Mir missfallen Blues, Soul und Ghospel, auch die Stimmklangfarben ausgebildeter Stimmen unserer klassischen Musik sprechen mich nicht an. Und unsere Popmusiker können leider oftmals nicht singen. Das ist bei den pakistanischen Musikern anders. Sie singen wie Popmusiker mit natürlicher Stimme, verfügen aber über eine gewaltige Stimmbeherrschung. Im Coke-Studio wird oftmals zugunsten unseres westlichen Dur-Moll-Systems auf das arabische Tonsystem verzichtet, wie auch mein Beispiel Allahu Akbar zeigt. Dadurch wird die exotische Musik sehr eingängig.

Auch das traditionelle Arrangement spricht mich an. Die kräftigen Stimmen von Shafqat Amanat Ali Khan & Ahmed Jehanzeb bilden einen Gegenpart zum Orchester und zum Männerchor. Die Solisten singen nie gleichzeitig, mit dem Chor agieren sie wie in einem Dialog. Polyphonie ist der islamischen Musik übrigens fremd. Das Orchester setzt auf traditionell pakistanische (Dholak, Harmonium, Tabla, Bansuri) wie auf westliche Instrumente (Mandoline, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Geigen, Klavier, Cello) was zudem – genau wie die traditionelle Kleidung und Accessoires der Musiker - sehr schön anzuschauen ist.

Musiker im Coke-Studio beim Einstudieren und Einspielen ihres Musikstückes:


Dienstag, 29. August 2017

Wurde die Eurovision vom Obama-Fluch befreit?

Anlässlich einiger unschöner Vorfälle rund um den Eurovision Song Contest in Kiew/Ukraine änderte die EBU im Juli 2017 die ESC-Regeln – und das Netz schweigt. Das war nicht immer so. Gerade Anlässe wie Regeländerungen heizten die Kommunikation und Streitlust unter den Fans an, allen voran unter den schwulen Fans, die sich seit 1998 stets in besonderer Weise betroffen sahen. 

Was hatte sich der Westen ab 2007 für die Wiedereinsetzung der Jury stark gemacht, damit diese den erfolgreichen Ländern aus Osteuropa endlich Paroli bieten möge. Fans zogen sich regelmäßig daran hoch hoch, wenn osteuropäischen Ländern von der EBU Betrug, Diaspora-Voting, Blockvoting etc. vorgeworfen wurde. Für Aserbaidschan war zwischenzeitlich sogar Sippenhaft im Gespräch, sollte nur ein unbedeutender Fan sich beim Telefon-Voting etwas zu Schulden kommen lassen. 

Das alles beherrschende Thema des ESC war ab 2008 die Schwulenfeindlichkeit der Nicht-Nato-Länder 
Allen voran in Russland, was die Verantwortlichen angeblich in Panik versetzte. Hierbei wird von Anonym eine Strategie verfolgt, die auch aus anderen Zusammenhängen bekannt ist. Aus Gepöbel und Angriffe anderer Länder werden humanistische Notwendigkeiten. Forciert von kompromislosen Minderheiten, deren Gruppenzugehörigkeit mit nicht diskursfähigen Merkmalen definiert werden (sexuelle Orientierung, Geschlecht, Hautfarbe, Religion) und deren Gruppenzugehörigkeit über jede Moral und Vernunft gestellt wird. Mit ungeheuerlicher medialer Verbreitung werden um diese Gruppen Konflikte und Freund-Feindschemen geschürt, inhaltliche Auseinandersetzungen verunmöglicht und zur Positionierung gezwungen. 

ESC-Fans, die der russophoben Linie nicht folgten, wurden seit 2008 eingeschüchtert, zensiert, schikaniert und/oder ausgegrenzt. Und das mitunter in einer solchen brutalen Art und Weise, wie man es sich von Toleranz-beseelten und freiheitsliebenden Party-Schwulen nicht vorstellen kann. Ich war als eine der ersten von dieser neuen Kommunikationsstrategie betroffen und „glaube“ bis heute, dass dies alles von außen gesteuert wurde. 

Und jetzt die neuen Regelungen
Die Jurymitglieder sollen während der Wertung "ihr ganzes berufliches Können und ihre Erfahrung einsetzen, ohne irgendeine(n) Teilnehmer(in) aufgrund von Nationalität, Geschlecht oder Wahrscheinlichkeit ('likeliness') zu bevorzugen." Zur Erinnerung: Das ganze Regelwerk besteht nur aus Verhaltensvorschriften und hat mit Bewertung von Musik nichts zu tun. Die holde Warnung an die Juroren ist für mich nur die Wahrung des Scheins, um die wahre Funktion der Juries weiterhin zu vertuschen, nämlich das unüberprüfbare Ergebnis einigermaßen glaubwürdig aussehen zu lassen. 

Verwirrend ist die Regelung, dass Gastgeber nun Einreiseverbote erteilen dürfen
„So obliegt es künftig der teilnehmenden Rundfunkanstalt sicherzustellen, dass "kein ausgewählter Teilnehmer und kein Delegationsmitglied aufgrund seines/ihres Vorlebens den Behörden des Gastgeberlandes Anlass dafür gibt, aufgrund nationaler Gesetze gegen ihn/sie ein Einreiseverbot zu verhängen."  

Im ersten Moment sieht es so aus, als würde man der Ukraine, die der russischen Teilnehmerin die Einreise verweigerte, im Nachhinein Recht geben. Aber profitieren dürfte davon zukünftig eher Russland. 

Man erinnere sich daran, dass Conchita Wurst stets in einem Negativbezug auf Weissrussland  und Russland promoted wurde, vor allem auch in den USA. Nach der neuen Regelung kann Russland zukünftig solche Stars einschließlich ihrer Fans zurückweisen mit der Begründung, dass deren Vorleben nicht mit den Traditionen und Gesetzen des Landes übereinstimmen. Ist das der Grund, warum das Netz schweigt? Schweigen die Qualitätsmedien und ihre schwulen Aktivisten gar, weil sie nicht mehr bezahlt werden?

Auch Nicht-Nato-Länder können Satire...


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Donnerstag, 6. Juli 2017

Musik und Militär – Normopathie erzeugt Verachtung und Aggressivität

Ausgerechnet bei einem Benefiz-Konzert machte ESC-Sieger Salvador Sobral aus seiner Verachtung des Publikums keinen Hehl. Er teilte ihnen auf gut deutsch mit: “Egal was ich mache, ihr bejubelt jeden Scheiß.” Er als einer der vielen Fake-Sieger der Eurovision muss es ja wissen.

Aufgrund seiner Erfahrungen bei früheren Live-Auftritten wird er sich erinnern, wie bescheiden seine Musik in der Regel beim Pop-Publikum ankommt. Nachdem er durch die Drehtür der Eurovision gezerrt wurde, soll seine Musik nun urplötzlich massenwirksam sein? Lächerlich. Und Sobral kauft es dem Publikum auch nicht ab. Nur besitzt er leider nicht das Format, diesen Fake um seine angebliche Popularität und seine Super-Musik aufzuklären. 

Und das Publikum? Anstatt den Sänger mit faulen Eiern und Tomaten zu bewerfen, berichten die Medien nur, dass es beleidigt gemurrt habe, woraufhin sich Sobral entschuldigte. 

Die ESC-Sieger hört keiner und kauft keiner 
Das bedeutet, dass das Publikum in diesem von Gebühren finanzierten Spiel nicht mal mehr als Konsument benötigt wird. Es fungiert bestenfalls als fiktives Sprachrohr des Militainment, ihm werden die Forderungen von Industrie, Politik und Militär in den Mund gelegt. Und diese lauten wie in allen Bereichen:

Konformismus und Identifikation mit dem Aggressor 
Bestes Beispiel für diese Normopathie lieferte die Einschüchterung um die schließlich zurückgezogene Nominierung Xavier Naidoos. Auch beim regelwidrigen aggressiven Beitrag aus der Ukraine in 2016 wurden Juroren und Publikum ihre Begeisterung von den Medien in den Mund gelegt. Mitbekommen hat man davon nichts. 

Bezogen auf Portugals ESC-Sieger sei die Frage erlaubt, wieso man ausgerechnet einen unberechenbaren Tourette-Sänger hofiert, der dauernd die Position wechselt. Nach seinem Sieg beklagte ausgerechnet er im Rahmen dieser Millionenshow die Monetarisierung der Musik und appellierte an schwammige Gefühle, dann wieder verhöhnt er alle, die seiner Gefühlsduselei zu folgen versuchen. 

Das Publikum wird immer mehr geschwächt 
Publikum und Fans gehen immer geschwächter und “sprachloser” aus solchen Irritiationen hervor. Ihre Internetkommentare werden immer spärlicher und einsilbiger. Einerseits lassen sie sich von vermeintlichen Autoritäten ständig auf Regeln und Anstand einschwören und einschüchtern – z. B. wenn es um Maßregelungen und Sanktionen gegen Nicht-Nato-Länder geht - andererseits müssen sie verarbeiten, dass ihre Autoritäten den Erfolg ausgerechnet bei Nichteinhaltung von Regeln und Anstand begünstigen (Ukraine, Portugal). 

Damit wird es in einen Dauerkonflikt mit sich selber gebracht und wird immer aggressiver gegenüber solche, die diesen faulen Zauber nicht “glauben”.


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Donnerstag, 22. Juni 2017

Mein erstes Erlebnis mit dem ESC dauerte 30 Jahre

Vor kurzem fiel mir mein Weltempfänger wieder in die Hände, plötzlich kam in mir die Erinnerung an das Transistorradio auf, das mir als Kind unentbehrlich war. Beim Essen, im Sandkasten und im Bett war das Transistorradio immer dabei.  

Ich war über jede Hitparade informiert, ob im Saarländischen Rundfunk mit Dieter Thomas Heck, auf Radio Luxemburg mit Frank Elstner oder auf Hansawelle Bremen, der die Bravo-Hitlisten spielte. Auch liebte ich es, auf Mittel- und Kurzwelle nach Sender, Sprachen und Musik fremder Länder zu lauschen. 

Natürlich gehörten auch die Musikwettbewerbe im TV zu meinen Jahreshöhepunkten, wie die Deutschen Schlager-Festspiele aus Baden-Baden und der Deutsche Schlager-Wettbewerb. Wegen der exotischen Musik schaute ich auch gerne Programme für Gastarbeiter, sie hießen Cordialmente dall' Italia, Aqui Espana, Jugoslavijo, dobar dan und Türkiye mektubu. Aber mein erstes ESC-Erlebnis war untrennbar mit dem Transistorradio verbunden. 

Es begann am Sonntag, den 07.04.1968 
Mit 9 Jahren durfte ich zum ersten Mal ohne Eltern in unsere Dorfkirche und zuschauen, wie die Großen (14 Jahre) konfirmiert wurden. Man muss dazu wissen, dass diesen Konfirmationen stets 2 harte Jahre und 1 ebenso harte Prüfung vorausgegangen sind. Wir mussten alle den Katechismus, das halbe Gesangbuch und gefühlt 1/3 des Neuen und Alten Testamentes auswendig lernen, was für so manches ostfriesische Kind, das erst in der Grundschule Hochdeutsch gelernt hatte, kaum zu bewältigen war. 

Natürlich wurden die Konfirmationen ernst und feierlich zelebriert, die Mädchen in schwarzen, später in weißen Kleidern, die Jungen in schwarzen Anzügen. Ich bekam eine Gänsehaut, als die Gemeinde das Lied „Mein Schöpfer steh mir bei“ anstimmte. Heute kann man sich das in etwa so vorstellen. Ich gestehe, dass diese Choräle für mich auch heute noch das Beste sind, was die Musikgeschichte je hervorgebracht hat. Daran konnte auch der ESC nichts ändern.  

Wie die ESC-Juroren schon in den 60ern eine Konfirmation in Ostfriesland fast zum Scheitern brachten 
An diesem Konfirmationsgottesdienst im April 1968 stimmte etwas nicht. In den Reihen der Konfirmanden herrschte eine Unruhe, so dass der strenge Pastor sie von der Kanzel ermahnen musste. Nach dem Gottesdienst stellte ich mich auf dem Kirchvorplatz zu den Großen und lauschte, warum sie so aufgebracht waren. Ich erfuhr Sensationelles: 

  • Am Abend vorher war im Fernsehen ein Musikwettbewerb ausgestrahlt worden
  • An diesem Musikwettbewerb nahmen Musiker aus verschiedenen europäischen Ländern teil
  • Für Großbritannien hatte Cliff Richard teilgenommen, dessen Lieder wie „Du bist mein erster Gedanke“ meine Mutter bei der Hausarbeit rauf und runter sang
  • Cliff Richard war mit nur 1 Punkt Rückstand hinter einem langweiligen Lied einer Spanierin Zweiter geworden, und dies wegen skandalösen Wertungen

Das reichte. Diesen Musikwettbewerb würde ich im nächsten Jahr nicht verpassen. 

Mein Lied 
Die Wochen gingen ins Land, bis ich eines Abends im Bett auf Kurzwelle plötzlich ein Lied hörte, dass mich sofort in seinen Bann zog. Die Sängerin sang deutsch mit französischem Akzent, was zu der damaligen Zeit fast untrennbar zum Erfolg des Schlagers dazugehörte. Viele beliebte Stars in Deutschland hatten entweder einen skandinavischen, englischen, französischen oder italienischen  Akzent. Dieses Lied war so schön, dass ich mir einredete, dass es an diesem sagenumwobenen europäischen Musik-Wettbewerb teilgenommen haben MUSSTE. Leider verklang das Lied, ohne dass ein Moderator Titel und Sängerin genannt hätte… 

Dass ich dieses Lied nie mehr vergaß, hat wahrscheinlich nicht nur mit dem Lied, sondern auch mit der besonderen Situation des „Trouvaille“ zu tun. Man hat nicht systematisch danach gesucht, es wurde einem nicht mit Werbung aufgezwungen, sondern die unermesslichen Weiten der Radiowellen brachten mit schönen Klängen für 3 Minuten plötzlich und unerwartet die intime häusliche Atmosphäre zum Mitschwingen. 

Ärger statt Unterhaltung 
Natürlich schaute ich mir dann den Grand Prix Eurovision de la Chanson 1969 und in den Folgejahren an, aber die Wertungen blieben ein ewiges Ärgernis. Bereits 1970 saß ich genauso fassungslos vorm TV wie 1968 die „Großen“, als Mary Hopkin aus Großbritannien mit ihrem wunderschönen „Knock Knock, Who‘s There“ hinter einem mäßigen Lied einer völlig unbekannten Irin auch nur Zweite wurde. Vicky Leandros‘ Siegerlied von 1972 war zwar ok, aber ich hatte es zuvor schon zu oft auf Radio Luxemburg gehört. Wieso waren die anderen Lieder nicht gespielt worden? Der Grand Prix von 1973 langweilte mich. Mit dem Sieg Abbas in 1974 war meine Geduld am Ende. 

Break On Through To The Other Side  
DJ Rio de Luca Wittmund
Bereits Anfang der 70er Jahre spalteten sich Musikfans in ein kommerzielles und progressives Lager, und ich gehörte aufgrund meines Geschmackes mittlerweile zur progressiven Liga. Statt abends TV zu schauen, trampten wir regelmäßig zu allen Discotheken in Norddeutschland. Dass das für uns mehr als nur Unterhaltung war, hat das Schlossmuseum in Jever in Zusammenarbeit mit der Universität Oldenburg in einer hochinteressanten Ausstellung herausgearbeitet.

Aufgrund der in unserer Gemeinde stationierten jungen US-Soldaten, den in den Häfen von Wilhelmshaven und Emden gestrandeten Indern, den niederländischen Piratensendern um uns herum und den jungen Männern, die als Wehrdienstverweigerer ständig zwischen Berlin und Ostfriesland pendelten, waren wir in Sachen Musik, Mode und Trends gut informiert (und mit Drogen versorgt). 

Abba stand für alles Abartige der kommerziellen Musik 
Ihre affige Optik, hohl tönernde „Bumsmusik“ und mörderische Marketingstrategie stand für die Zerstörung der Musik. Diese Haltung  wurde auch in Schweden mit einem radikalen Gegen-Contest bestätigt, der allerdings nicht als musikalischer Ersatz gesehen werden konnte.  Trotzdem ist es aus unserer damaligen Perspektive als Teenies bis heute bedenklich, wie die Abba-Vermarktung im kommerziellen Lager mit künstlicher Legendenbildung Geschichtslüge betreibt. Abbas Sieg hat 1974 nichts Gutes bewirkt, sondern den ESC musikalisch nur noch mehr verstümmelt. 

Zumindest ist mir seit meinem 10. Lebensjahr immer wieder bestätigt worden: Beim ESC sind die 1. Plätze selten legendär, und wenn, dann nur wegen abstruser Wertungen. Musikalische Legenden findet man erst ab Platz 2 und abwärts. 

Zufällig zappte ich an einem Sonnabend im Mai 1996 durchs Fernsehprogramm  
und blieb, aufmerksam geworden durch schräge Kommentare, beim Eurovision Song Contest hängen. Ich hatte gerade über den 3. Bildungsweg – als früheres Arbeiterkind ohne Vorkenntnisse im Instrumentalspiel und Musiklehre – ein sauschweres Musikstudium mit Schwerpunkt Musik in Massenmedien und Kirchen hinter mich gebracht und lechzte nach seichter Unterhaltung. 

Wie sich der deutsche Kommentator Ulf Ansorge über die ESC-Show lustig machte, amüsierte mich über alle Maßen. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste war, dass er dazu aufgefordert wurde, weil Deutschland schon im Vorfeld disqualifiziert worden war. Dass Irland bei gleichzeitigen EU-Subventionen in den 90ern diesen und auch vorangegangene ESCs gewann, bestätigte mir nur ein weiteres Mal die Unglaubwürdigkeit der Wertungen.

Zugleich fiel mir auf, dass viele Lieder gar nicht so übel waren. Als Folkfan war ich erstaunt über den Auftritt von Dan Ar Braz für Frankreich. Polen wagte düstere Dramatik und präsentierte sich damit wie ein Gegengift zu Abba. Aber auch der Song aus Schweden klang schön hymnisch. Dass der schöne Song von Benny Anderssons Sohn Peter Grönvall komponiert worden war, milderte mein Negativurteil über Abba. Kroatiens Gesangsperformance war schrill. Malta, Estland, Norwegen, Finnland und Niederlande fand ich nett. Hochkarätig schließlich Portugal und Griechenland. Und sofort stellte sich wieder die Frustration von früher ein: 

Diese Lieder wirst du nie wieder hören 
So lange ich zurückdenken kann hört man im deutschen Rundfunk ausschließlich anglo-amerikanische Musik. Einfache Popmusik aus dem europäischen Ausland scheint dagegen genauso unerreichbar wie Unterhaltungsmusik aus der Südsee oder aus der Antike. Wer nach deutscher oder europäischer Musik verlangt, wird schnell als Ewig-Gestriger, Geschmacksverirrter oder gar Nazi abgestempelt. Und wo die Schublade „Volksmusik“ partout nicht passen will, versuchen bis heute transatlantische Schwärmer mit dümmlichen Attacken zu diskreditieren

Selbst 2010 war es immer noch nicht möglich, ein Musikstück aus Slowenien normal zu erwerben, und wenn, dann nur als teuren US-Import(!)  Daran hat selbst das Internet nicht viel geändert. Die letzten Ausgaben des ESC weisen vielmehr darauf hin, dass europäische Musik schon vor Ort zugunsten abgegriffener anglo-amerikanischer Genre in leichter englischer Sprache systematisch zerstört wird. 

Das Internet machte interessante Netzwerke sichtbar 
Hatte man in den 60er und 70er Jahren als Teenie im abgelegenen Ostfriesland nicht den Hauch einer Chance, nach europäischer Popmusik zu recherchieren (höchstens nach Folkmusic in Plattenläden und Spezialzeitschriften), hatte sich dies bis 1996 mit dem Internet etwas verbessert. Ich fand zwar nicht die Songs, aber dafür einen europäischen Fanclub zum ESC, der für einen exklusiven, geschlossenen Kreis Lieder und Videos aller Jahrgänge anbot. Nur musste ich für die Singles ziemlich tief in die Tasche greifen. Egal, ich deckte mich erst mal ein. 

Erst 1998 fiel mir mein Erlebnis mit Konfirmation und Transistorradio wieder ein und ich bestellte mir den ESC von 1968. Endlich konnte ich mir ein Bild davon machen, was die „Großen“ damals so gefesselt und aufgeregt hatte. Das Video kam, ich machte es mir vor dem Videorecorder gemütlich – und schlief bereits nach dem 2. Lied ein. Erst zur Wertung wachte ich wieder auf. Die Show war zwar langweilig, aber ich zwang mich dann doch, mir zumindest die Lieder nacheinander anzuhören. 

Und dann kam es unerwartet nach 30 Jahren tatsächlich zu mir zurück: Mein Lied 
Es fällt mir schwer auszudrücken, welche Gefühle in mir aufstiegen, als plötzlich das Lied erklang, dass ich bis dahin nur ein einziges Mal 1968 auf Kurzwelle gehört hatte, nun allerdings in französischer Sprache. Statt Festivitäten wie Konfirmation, Hochschulabschluss oder ESC sind eher die unerwarteten und banalen Momente des Alltags so besonders, dass man sie kaum mitteilen kann. Ich erinnerte mich noch gut, wie ich als Kind nur FANTASIERT hatte, dass dieses Lied am ESC teilgenommen habe – und nun war es tatsächlich dabei. 

Mit dem Abstand von Jahrzehnten hörte ich, was für mich als Kind berauschend schön gewesen war und stellte fest, dass ich auch im vorangeschrittenen Alter zu meinem Musikgeschmack von damals und zu meinem noch stets gespaltenen Verhältnis zum ESC stehe.


Isabelle Aubret belegte mit "La Source" am 06.04.1968 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in London den 3. Platz.


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Sonntag, 11. Juni 2017

Ziegenficker und Nazischlampen fordern beim ESC KONSEQUENZEN-FUER-RUSSLAND-UND-DIE-UKRAINE

Ist das Satire oder kann das weg? 

Als Wettbewerbsteilnehmer ist die ARD beim Eurovision Song Contest eine Null 

Erfolgreich ist sie nur, wenn sie am Rand des Spielfeldes auftaucht, auf ein unseriöses Regelwerk pocht, Nicht-Nato-Länder diskreditiert und die Zuschauer – bildhaft gesprochen - animiert, deren Kandidaten mit Steinen zu bewerfen. 

Das drückt eine Pöbelhaftigkeit und Parteilichkeit aus, wie man sie auch beim belobhudelten Ziegenficker-Böhmermann und Nazi-Schlampen-Ehring vorfindet. Unterwürfig und parteilich steigen sie immer nur auf bereits fahrende Züge. Ihr dauerndes Nachtreten soll uns als westlicher Wert, walhweise als Satire, Moral oder Recht untergejubelt werden. 

Die alljährliche Russlandhetze beim ESC feiert dieses Jahr die 10. Auflage!  
Es wird müßig, sich die eingefädelten Anlässe und Schikanen in Erinnerung zu rufen bzw. auf die neuen Schikanen, die in der nächsten Woche preisgegeben werden, noch einzugehen. Diaspora-Voting, Blockvoting, gekaufte Stimmen, Manipulation, Schwulenfeindlichkeit, Regelbrüche usw. usw. 

Eher stellt sich die Frage, wieso die angegriffenen Länder das so lange mitmachen. Genau wie die Türkei hätten auch Russland, Serbien, Weissrussland und Aserbaidschan 2012 entspannt aussteigen können. Meine Vermutung: 

Man bestätigt den Verblendeten ihr verkommenes Weltbild solange, bis sie sich mit Ziegenficker-, Nazi-Schlampen- und Schwulen-Propagandisten moralisch und intellektuell selber hingerichtet haben. 

Und dann kann das entweder neu oder weg.


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Donnerstag, 8. Juni 2017

Normopathie oder wie man dem Publikum Niederlagen als Erfolg verkauft

Niederlagen beim ESC werden in einzelnen Ländern unterschiedlich bewertet. Landet z. B. in Aserbaidschan ein Musiker nicht unter den ersten Fünf, werden Platzierung und Künstler einfach totgeschwiegen. In den meisten anderen Ländern wird über eine Niederlage kurz und mit Bedauern berichtet, so auch ein Deutschland. In Deutschland kommt allerdings etwas hinzu, was es in anderen Ländern nicht gibt: 

Medien nehmen ESC-Niederlagen nicht nur wohlwollend zur Kenntnis, sondern schaffen es sogar, sie als einen Erfolg darzustellen 
Zur Erinnerung: Beim Eurovision Song Contest landete Deutschland 2017 das fünfte Mal in Folge auf der rechten Seite der Ranking-Tabelle, das dritte Mal sogar als Schlusslicht. Verglichen mit dem Sport sind die Leistungen ähnlich schlecht wie beim Eiskunstlauf. Während aber der Eiskunstlauf komplett aus der Medienberichterstattung ausgeblendet wird, werden ESC-Pleiten wie ein unverzichtbarer Spaß dargestellt. Die Durchhalteparole heisst: 

„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“
So zitiert die BILD den ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. Auf die Frage, ob Deutschland nach dem dritten ESC-Debakel in Folge aussteigen solle, sagt Schreiber: „Nein.“ Wie ein Automat bringt Thomas Schreiber jedes Jahr die gleiche Lösung, nämlich eine Reform des ESC-Vorentscheid.

Medien fördern Normopathie
Normopathie bedeutet „Anpassung an vermeintlich vorherrschende und normgerechte Verhaltensweisen und Regelwerke innerhalb von sozialen Beziehungen und Lebensräumen, ein treibendes Moment hierbei ist das unter Aufgabe der eigenen Individualität übersteigerte Streben nach Konformität. […] Die unbedingte Überanpassung an sozio-kulturelle Normen wird damit zur Krankheit.“ 

Beim ESC entpuppen sich Sachzwang-, Quoten- und Kostengelaber langsam als Volkskrankheit. In Spiegel-Online darf Thomas Schreiber mit Zahlen zu Quotenergebnisse und Produktionskosten aus den alljährlichen Niederlagen einen Erfolg machen. WOW. Nur: 

Für wen sollen die hohen Quoten ein Erfolg sein? 
Für die erfolglosen Kandidatinnen dürfte sich durch hohe Einschaltquoten die Blamage verschlimmern. 
Und warum ist es für den Zuschauer ein Erfolg, wenn eine hohe Anzahl Zuschauer diese Niederlagen regelmäßig mitverfolgt?

Einen Monat später leiert die erfolglose Levina in der NDR-Talkshow schon wieder die soldatischen Floskeln herunter von Ehre, Spaß, Genuss und Erfahrung. Man lobt sie, weil sie zu ihrer Niederlage steht, weil sie traurig über ihr schlechtes Abschneiden war. Und alles scheint sich einig: Niederlagen sind doch was Schönes.


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Samstag, 20. Mai 2017

Hat Putin das Ergebnis beim Eurovision Song Contest 2017 manipuliert?

Hat Putin schon vorab gewusst, wie Deutschland scheitert? Hat Putin den Sieg Portugals überhaupt erst möglich gemacht? Hat Putin gar das ESC-Abstimmungsergebnis beeinflusst? Warum ist das für westliche Medien verdammt noch mal kein Thema? 


Der einzige Journalist, der den vorletzten Platz für Deutschland präzise vorhergesagt hatte, war Reza Abadi vom „Putin-Sender“ RT-Deutsch einen Tag vor dem Finale, und das als offensichtlich desinteressierter Eurovisions-Hater. Siehe im Video ab 18'00, genauer 20'18:



Abadi begründet den Rückzug Russlands und die Verweigerung der TV-Ausstrahlung mit Putins Klugheit. Klug, weil Putin damit seine Bevölkerung vor schlechter Musik schütze. Das sehe ich anders, denn so gut war Putins zurückgezogener Beitrag nun auch nicht.

Kannte Putin das Erfolgskonzept für 2017?
Mit Yulia Samoylova nominierte Russland eine am Rollstuhl gebundene Sängerin. Ihr Lied „Flame is Burning“ ist eine altmodische 60er-Jahre-Schnulze. Aufgrund fehlender Englischkenntnisse lallt sie den Text mehr als dass sie ihn singt. Und bereits vor dem Contest suchte sie medizinische Experten im Westen auf, so dass auch sie möglicherweise wegen Arzttermine nicht an den Proben in Kiew hätte teilnehmen können.

Groteskerweise hätte sie damit genau dem Erfolgskonzept des Portugiesen entsprochen. Auch Salvador Sobral wimmert eine abgedroschene Schnulze, auch er ist schwer krank und konnte deswegen nicht an den Proben teilnehmen. Ähnlich wie Putin im Fall Samoylova wird auch dem Portugiesen Sobral eine Instrumentalisierung seiner gesundheitlichen Schwächen vorgeworfen.

Hat Putin Portugal kulanterweise den Vortritt gelassen?
Russland zog seinen Beitrag zurück, ermöglichte es damit Portugal überhaupt erst den Sieg? Vorstellbar wäre es. Vielleicht hat Putin die Attacken rund um die Eurovision langsam satt.

Mit Portugal gewann nun das westlichste Land Europas, weit, weit weg von Ländern, in denen man die Bevölkerung hätte spalten und gegen Russland polarisieren können, in denen Farbrevolutionen und Regime Changes denkbar wären wie Moldawien, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Weissrussland, Armenien, Aserbaidschan, Montenegro, Mazedonien, Serbien, Slowenien…

Putin, Putin, Putin


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Sonntag, 14. Mai 2017

Portugals Siegerbeitrag repräsentativ für ein impotentes, alterndes Europa?

Glanzloser Sieger, spannungsloses Voting und zähe Show, das war der Eurovision Śong Contest 2017. Sieger und Song dürften niemanden wirklich vom Hocker reißen, aber sie tun auch niemandem weh. Entscheidender dürfte sein, dass nach den leidigen Querelen Russland/Ukraine alle aufatmen, weil dies für’s erste überstanden ist. Ich glaube behaupten zu dürfen, dass Portugal als Austragungsort 2018 der langersehnte Traum aller ESC-Fans ist. 

Aufgrund einer Herzkrankheit konnte der neue ESC-Sieger Salvador Sobral aus Portugal nicht an den Promo-Aktivitäten und Proben teilnehmen und schien nur wie zufällig beim ESC in Kiew vorbei zu schauen. Wozu proben? Ohne Proben lieferte er einen tiefenentspannten und dementsprechend körperlich unkontrollierten Auftritt ab ohne technische Spielereien und mit einem Lied, das sich wie ein unverkäuflicher Restposten einer Schellackplatte anhörte. 

Twitter: Omma ist eingenickt und fragt im Halbschlaf wann die DDR auftritt. Mein Gott, was denkt sie wie lange sie geschlafen hat? #esc2017 
Europa dämmerte am Abend des 13.05.2017 wie Omma diesem Sieg entgegen und schien gar nicht zu bemerken, dass der Herzkranke sonderbarerweise die Spannung beim Voting verdammt gut verkraftete. Das Publikum hatte sich sein verstaubtes Lied als “sensationellen Jazz” unterjubeln lassen. Kommentatoren interpretierten seinen nachlässigen Gesang und seine Zuckungen als “Authentizität”. Und prompt verstummte der Saal vor lauter Ehrfurcht und man sah Gesichter, denen “wie im Rausch” die Tränchen über die Wangen rollten… 

Die Diskrepanz zwischen Realität und Worthülsen war selten grotesker
Möglicherweise passen diese Worthülsen genauso wenig zum Interpreten wie der Interpret zum ESC. Sobral nach seinem Sieg: „Wir leben in einer Welt völlig austauschbarer Musik – Fast-Food-Musik ohne jeden Inhalt. Musik ist kein Feuerwerk. Musik ist Gefühl. Lasst uns versuchen, etwas zu ändern und die Musik zurückzubringen”. Das macht ihn sympathisch. Aber voilà! Was hat jemand mit dieser Einstellung beim ESC verloren? 

Salvador Vilar Braamcamp Sobral  
1989 in Lissabon geboren, abgebrochenes Psychologie-Studium, danach Jobs auf Mallorca und in den USA, um sich seinem Hobby Musik widmen zu können. Erst die Teilnahme an einer Casting-Show in 2009 macht ihn als komischen Kauz mit einer Vorliebe für lateinamerikanische Musik bekannter. 

Der Express berichtet: „Sein Urgroßvater war ein Graf. Und dessen Tante hatte den Sprössling einer deutsch-portugiesischen Nebenlinie des Hauses Oldenburg geheiratet – aus der Linie (Achtung!) Schleswig-Holstein-Sonderburg-Beck. Einer seiner Vorfahren wiederum kam aus dem Hause Hohenzollern. Das Geschlecht also, das deutsche Kaiser und Könige hervorbrachte.“ 

Die Niederländer weisen stolz auf seine niederländische Abstammung hin: „Salvador Vilar Braamcamp Sobral, zoals hij voluit heet, stamt af van de Rijssense familie Braamcamp. Gerrit Braamcamp, de beroemde 17e-eeuwse Nederlandse kunstverzamelaar, is bijvoorbeeld familie van hem“.  

Sobrals Deplatziertheit beim ESC wurde ihm vor allem von den Experten und Juroren der Rundfunkanstalten hoch angerechnet 
So hoch, dass man ins Grübeln kam. Jahr für Jahr aus dem Boden gestampfte Play-Back-Kunstprofile mit schwedischen oder anglo-amerikanischen Popsongs und ausgefeilte Bühnentechnik für die TV-Zuschauer – und dann schwärmen sie geschlossen von einem schlichten Auftritt à la Sobral.

Sie inszenieren ein intransparentes, nicht mehr nachvollziehbares Voting, bei dem sie dann alle alle alle das Gleiche wählen. Das war langweilig und wirkte abgesprochen, als wäre Portugal plötzlich der letzte Strohhalm der EBU. 

Oder banaler: Wurden die Juroren einfach nur von Wettbüros bestochen, welche zuvor mit geschickter PR die ganze Aufmerksamkeit auf Italien gelenkt hatten? 

Kritik an Flüchtlingspolitik und Musikindustrie 
Mir ist der portugiesische Adelsspross erst aufgefallen, als er sich in der PK und bei der Eröffnungssequenz im Finale für ein unkontrolliertes Refugee-Welcome aussprach, und sich damit klar positionierte. Auch kritisierte er die Musikindustrie, die aus Kunst ein Wegwerfprodukt mache. Alles natürlich ohne Argumente, sondern nur so aus einer Gefühlslage heraus. 

Erinnert sich jemand an die Band Homens da Luta?  
2011 schickten die Portugiesen die Band Homens da Luta mit dem Song “Der Kampf ist die Freude” zum ESC nach Düsseldorf. Ihnen ging es auch um europäische Belange. Aber leider nicht um die der neoliberalen Machteliten, sondern um die der Bevölkerung. Damit erreicht man nicht mal das Finale. Begründungen waren: Landessprache, Lied zu schlicht und zu altmodisch, Klamotten unmöglich, zu wenig ausgefeilte Bühnentechnik.


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Samstag, 13. Mai 2017

Levina nutzte die Zeit vor dem ESC in Kiew - vergeblich oder mit Erfolg?

Da Deutschland beim ESC bekanntlich ein Abo auf den letzten Platz hat, ist die Karriere der Damen, die sich als Prellböcke zur Verfügung stellen, bereits beendet, bevor sie eigentlich begann, nämlich mit dem ESC-Finale. Meist kommen sie aus dem Nichts, liefern vor dem ESC ein paar flaue Schlagzeilen und verschwinden dann wieder von der Bildfläche. 

Über einen letzten Platz in Folge würde sich 2017 kaum noch jemand wundern 
Wenn ich die Aktivitäten, Facebook-Eintragungen und Marketing-Texte der deutschen Delegation der letzten 2 Wochen in Kiew an mir vorbei rauschen lasse, wundere ich mich über deren unermüdlichen Fleiß, denn dieser steht in keinem Verhältnis zu den seit Monaten bekannten Umfrageergebnissen, den Wettquoten und den Einschätzungen aller Fans und Konsumenten. Die sehen Levina abgeschlagen am Ende des Rankings. Seit Kiew wird zusätzlich zum belanglosen Lied auch das Amisch-Outfit von Levina, ihre Oma-Haarfrisur und ihr graues Bühnenbild kritisiert. Statt das belanglose Lied aufzuwerten, hat man quasi noch eins drauf gesetzt. 

Und dabei ist Levina die erste deutsche Vertreterin, die sich den üblichen Eurovisions-Promo-Aktivitäten mal nicht entzogen, sondern sogar eine Tour durch Europa gemacht hat. So trat sie bei den Promo-Pre-Event-Shows in London, Israel und Amsterdam auf – und machte ihre Sache sehr gut. Aber auch dabei gab es zwei Haken: 

1. Celebrate Conformity auch in der Vermarktung 
Bislang hatte ich diese Pre-Event-Shows gerne mitverfolgt. Es war wie das Stöbern in der Regenbogenpresse beim Frisör. Bedauerlicherweise hat sich auch hier ein Schematismus eingestellt, der nur noch Langeweile erzeugt. Immer die gleichen Abläufe, die gleichen Interviewer, immer die gleichen Fragen, die gleichen stereotypischen Antworten, das gleiche Gehabe. Alle werden nach dem gleichen stromlinienförmigen Profil vermarktet – und müssen zudem auch noch jedes Jahr Friedensbäumchen pflanzen in Israel. 

2. Celebrate Conformity mit dem Militär 
Interessanter wird es, wenn ich mir die Länder anschaue, die die deutsche Levina vor dem ESC besucht hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der NDR sich das allein ausgedacht hat. Zu den Ländern zählen Georgien, Armenien, Mazedonien, Albanien, Ungarn. Da kann ich nur noch polemisch fragen: War sie etwa als Botschafterin der NATO unterwegs? 

Wie an den youtube-Clips zu sehen ist, hat Levina auch in diesen Ländern einen guten Eindruck hinterlassen. Zudem hat die Ukraine bewiesen, dass die Zusammenarbeit mit der NATO beim ESC erfolgsversprechend ist. Vielleicht darf die deutsche Delegation in Kiew mit Levina nun doch noch auf ein paar Punkte und eine bessere Platzierung hoffen…?


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Donnerstag, 4. Mai 2017

Kreativste Arbeit beim ESC leisten dieses Jahr Fans mit fantastischen Interpretationen - Beispiel Aserbaischan

In einem ESC-Jahrgang der gleichförmigen Formatradiomusik glänzen einige Fans mit hervorragenden Liedinterpretationen. Ich finde sie vor allem beim Beitrag von Dihaj aus Aserbaidschan gelungen.

Aserbaidschans Song „Skeletons“ 
ist musikalisch unverdächtiger moderner Elektro-Pop der Sängerin Diana Hajiyeva, die sich gemeinsam mit ihren Kollegen Anar und Ali auch als „Dihaj“ bezeichnet. Diana erhielt ihre musikalische Ausbildung an der „Baku Academy of Music“, die sie in London abschloss: „She began producing experimental music while attending The Institute of Contemporary Music Performance in London“. Für ESC-Fans ist sie keine Unbekannte, da sie bereits 2016 als Background-Sängerin sowie 2011 an der aserbaidschanischen Vorentscheidung teilgenommen hat. Viel mehr weiss man nicht über sie, sie macht – passend zu ihrem Lied - insgesamt einen sehr aparten, extravaganten Eindruck

Persönlich habe ich einen Faible für aserbaidschanische Beiträge entwickelt, denn mit wenigen Ausnahmen haben sie immer eine ganz eigene, persönliche Note, die vor allem durch die Texte zum Ausdruck gebracht wird. Sie verlassen sich auch meistens auf die gleichen Komponisten und Autoren, wie z. B. Sandra Bjurman und Isa Melikov. Ich erinnere nur an den bedeutungsschweren Text „When The Music Dies“ aus 2012, nachdem das Land anlässlich des ESC-Sieges 2011 ins Visier der Regime-Changer und Farbrevolutionäre geraten war. 

Natürlich habe ich auch nach dem tieferen Sinn des Liedes „Skeletons“ gesucht. Kaum ein Fan kann mit dem Text etwas anfangen. Um so erfreuter war ich über 2 fantastische Interpretationen junger ESC-Hardcore-Fans, die ich hier wortwörtlich wiedergebe.*

Besingt Dihaj mit „Skeletons“ eine Hassliebe? 
„Im Englischen gibt es den Ausdruck "Skeletons in the closet", das soviel wie "Leiche im Keller haben" bedeutet, wenn jemand düstere oder peinliche Geheimnisse hat. Wenn man nun den Rest des Liedes im Zusammenhang sieht, erkennt man, dass das lyrische Ich sich in einer nicht rationalen, sehr leidenschaftlichen Liebe befindet. Sie schwebt in leidenschaftlichen Erinnerungen in Tagträumen, in Fantasie, etc. Im Refrain singt sie dann, dass ihr Liebhaber "have my skeletons" haben kann = Er darf ihre Geheimnisse kennen, er darf daran teilhaben. Das lyrische Ich geht weiter "have my lungs" = Der Liebhaber kann ihre Lunge (= Atem) haben. Sie gibt ihm etwas Elementares zum Leben, so sehr liebt sie ihn = nicht-rationale Liebe. Dann singt sie "have my millions" = Also quasi auch das ganze Geld würde sie ihrem Liebhaber geben. Aber es ist eine gefährliche, irrationale Liebe und sie möchte entfliehen, kann es aber nicht. Durch diese im Refrain gewählten Metaphern drückt sie nur aus, wie ungesund diese Beziehung für sie ist, denn sie verzichtet auf ihre Freiheit, Identität, lebensnotwendige Luft, Ersparnisse und verfällt einem bösen Buben. Das ist zumindest meine Perspektive und ich wollte sie mal mit Euch teilen, da ich schon des Öfteren gelesen habe, dass "Skeletons" keinen Sinn ergibt. Für mich ist es textlich definitiv eines der besseren Lieder des Jahres.“ 

Mein Fazit: Aserbaidschan verlässt die mit Wir-Appellen und Geselligkeits-Worthülsen demonstrativ zur Schau gestellte Naivität angepasster Stars und Aktivisten. Stattdessen problematisieren sie den eigenen Standpunkt und nehmen die Perspektive der „falschen Freunde“ ins Visier. 

Performance mit Mafia-Symbolik?
Wenn schon der Text auf breites Unverständnis stieß, scheint die Performance mit Mafia-Symbolik die Verwirrung komplett zu machen. Nicht ganz unzutreffend urteilte ein Fan: „Das ist doch wie das Abendprogramm auf arte!“


Auf facebook fand ich eine anregende bis stimmige Interpretation zur Performance, die auch mit der Textinterpretation übereinstimmt. 

„The room represents complex self-destructive relationships, inner barriers and hidden truths — the skeletons. A man wearing a mask serves as a “bad boy” with a symbolic ladder showing the emotional distance between the two lovers. Our heroine, being a strong woman, eventually overcomes her self-destructive feelings. The walls come down, as well as the bad boy’s mask. He’s prepared to reconnect with her, but it’s far too late. She’s made him take off the mask he was wearing in their relationship, but she is leaving him alone in the room that she has bravely escaped.“

* Da die Kommunikation unter Fans überwiegend anonym stattfindet, werde ich die Nicknames hier nicht wiedergeben, es sei denn, die beiden Personen bestehen darauf.


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Sonntag, 23. April 2017

Eurovision Song Contest 2017 in Kiew: Celebrate Conformity Teil 2

Von den diesjährigen 42 Beiträgen werden nur 3 Lieder in Landessprache gesungen. Die meisten Songs folgen einem anglo-amerikanischen Ideal, wie man es seit den 80ern rauf und runter in Millionen Formatradios hören kann. Bedauerlicherweise werden auch die InterpretInnen nach Einheitsschema vermarktet. Es gibt nicht mal mehr Wettkämpfer, die sich mit Sprüchen, Werbeaktionen o. ä. hervortun. 

Ob es mit Einfallslosigkeit, Einschüchterung oder einem überholten Verständnis von Modernität zu tun hat oder ob die USA selbst im Musikbusiness anderen Ländern mit Krampf und Gewalt ihre veralteten Vorstellungen aufzudrücken versucht, sei dahin gestellt. Fakt ist, dass es langweilig ist

Um eine einigermaßen unterhaltsame Show auf die Beine zu stellen, käme man dieses Jahr mit 13 Liedern aus. 

Armenien: Die gute Nachricht ist, dass Armenien mal nicht den Genozid besingt, sondern mit Sängerin Artsvik und dem Song“Fly With Me“ nettes Folktronica präsentiert. Die schlechte Nachricht: Dem Land wurde beim Timing eine Extrawurst gebraten, damit sie den perfekten Song abliefern. Vielleicht wirkt der Clip deswegen etwas nach verkrampften Marionettentheater. Aber könnte trotzdem passen, denn es steht zu befürchten, dass die Militärs nach der Ukraine das nächste finanzschwache Anrainerland Russlands mit Eurovisionstralala in die Knie zwingen und als Aggressionskorridor gegen Russland aufstacheln. Und gegen Aserbaidschan gleich mit… (von mir 6 Punkte)

Aserbaidschan: Sängerin Dihaj dürfte dieses Jahr die Extravaganteste sein. Sie präsentiert mit ihrem Song „Skeletons“ Electronica, aber mit „secret message“ und neuer Erzählhaltung. Vonwegen ich bin ein Gutmensch und will ja nur den Frieden… (10 Punkte)

Weissrussland: Es ist das erste Mal, dass wir beim ESC die weissrussische Sprache zu hören bekommen, verpackt in Folk-Pop. Ein unbeschwerter fröhlicher Beitrag von Naviband, der zum Schluss mit vielen Hey-Hey-Rufen leider etwas ereignisarm wird, was aber hoffentlich durch die Sängerin, die eine Rampensau zu sein scheint, aufgefangen wird. (1 Punkt)

Belgien: Auch Belgien kommt mit Elektronic-Pop von der blutjungen Sängerin Blanche, die ihr „City Lights“ streckenweise mit für Teenies ungewöhnlich tiefer Altstimme singt. Für mich eigentlich ein angenehmer Kontrast zum plärrenden Pädophilen-Pop, leider ging ihr Gesang bei Live-Auftritten bisher kläglich unter. Ich bin allerdings überzeugt, dass die Techniker in Kiew diesen Beitrag trotzdem als erwachsen und cool vor uns erstehen lassen. (5 Punkte)

Kroatien: Ungewollt komisch. Konzentriert man sich nur aufs Akustische, glaubt man ein Lied von Otto Waalkes oder Loriot zu hören. Der unbestritten gute Sänger Jacque wechselt in jeder Zeile zwischen Tenorstimme in italienischer Sprache und natürlicher Stimme in englischer Sprache und wirkt damit wie ein Bauchredner. Fehlt beim Auftritt nur die noch Handpuppe. 

Finnland: Unaufdringliche Entspannungsmusik des New Age mit Titel „Blackbird“ von Norma John, die man in Dauerschleife hören kann, vor allem zu Weihnachten. (2 Punkte)

Ungarn: Auch Ungarn singt endlich mal in ungarischer Sprache und stellt ungarische Musik vor. Das Lied ist ein Crossover zwischen ungarischer Zigeunermusik und Hiphop. So stelle ich mir einen Eurovisionsbeitrag vor. (3 Punkte)

Moldawien: Sympathischer Elektro-Balkan-Freak-Folk, wie man es seit ihrem Debüt mit der Band Zdob si Zdub von den Moldawiern erwartet. (8 Punkte)

Niederlande: Eine altbackene Ballade, die den Hörer aber mit perfekter Dreistimmigkeit in den Bann ziehen wird. Sollten die Geschwister ihre Ballade live auch so perfekt performen wie im Studio, ist das was Besonderes. (4 Punkte)

Portugal: Der Performer Salvadore Sobral weicht mit seiner kindlichen Selbstvergessenheit, einem verträumten Jazz-Walzer „Amar Pelos Dois“ und ergreifendem Text angenehm von der hohlen Formatradiomusik ab. Die gelangweilte Melodie, die portugiesische Sprache und die leisen Töne des Sängers erinnern mich sogar etwas an Bossa Nova. (7 Punkte)

Rumänien: Hiphop mit Jodeldiplom. Ein Schenkelklopfer, der nicht nur mutig aus dem Rahmen fällt, sondern auch lustig klingt. Dem ESC würden ein paar mehr solcher schräger Beiträge gut tun. 

Ukraine: Rockmusik, für sich gesehen nichts Besonderes, aber beim ESC mit 30 gleichförmigen Formatradioliedern erfrischend ehrlich. Die abgerissenen Musiker präsentieren sich auf einem Trümmerfeld und erbitten sich etwas Zeit zur Erholung und Selbstfindung. Den Wunsch kann ich verstehen. Ich hoffe nur, dass sie die Performance einigermaßen gastfreundlich gestalten, ohne Schüsse und ohne Blutopfer, wie bei der Vorentscheidung. 

Italien: Das einzige Big-5-Land in meiner Auswahl! Beim italienischen Beitrag wurde zwar das Rad nicht neu erfunden, aber es wirkt nach all dem politischen Missbrauch, dem Betroffenheitsgesülze und der englischen Kaugummi-Sprache wie ein erholsamer Italien-Urlaub. Mit einer leckeren Tasse Café oder einem Glas Wein, einer Portion Humor und Selbstironie endlich Abstand vom europäischen Alltag gewinnen und sich den schönen Dingen des Lebens widmen: 

Der leichten Muse und Philosophie und einem hinreißend charmanten Gigolo mit Namen Francesco Gabbani. 12 Punkte!