Habe mir am 10.11.2017 in Berlin die ESC-Road-Show angesehen, bei der Thomas Schreiber (ARD Koordinator Unter-haltung), Christoph Pellander (NDR/Head of Delegation) und Daniel Korany (Simon-Kucher & Partners) mithilfe einer Präsentation und eines Kurzfilms das neue Verfahren beim ESC Vorentscheid 2018 erklärten. Man setzt dabei vor allem auf die Leistungen von Mass-Calling-Unternehmen, Datenanalysefirmen und Telekommunikationsindustrie.
Bei Formulierung meiner provokativen Überschrift bemerke ich, dass ich hadere, etwas Kritisches zu schreiben, wenn ich statt Texte zu lesen die Menschen leibhaftig während der Präsentation ihrer Konzepte erlebt habe. Zum einen war die Atmosphäre in der schönen Dachlounge des rbb ausgesprochen angenehm. Auch Sympathie und Empathie schlichen sich ein. Wer wollte dem NDR nach Jahren der Niederlagen nicht mal wieder einen Erfolg gönnen? Aber dann kommt mir in den Sinn, ob die freiwillige Zurücknahme von Kritik nicht auch wieder Kalkül ist… Vor allem, wenn man mit einem Top-Down-Konzept überrumpelt wird, bei dem es um Einbindung von gecasteten Fans in fest reglementierte Prozeduren geht, welche mit Nähe zu Stars und Organisatoren und wahrscheinlich viel kumpelhaftem Geduze Abgrenzung erschwert und emotionale Ausbeutung begünstigt.
Betroffenes und engagiertes Grübeln Eins ist klar: Vor 25 Jahren wäre diese Veranstaltung in der rbb-Bar ein amüsantes Erlebnis geworden, in der Schwule gewitzelt und gelästert und Transvestiten sich besonders ausgefallen präsentiert hätten. Wahrscheinlich wäre sogar Musik erklungen.
2017 fanden sich ca. 15 ernsthaft interessierte und skeptische Fans zusammen, die als Eurovisionswächter, Musikpolizisten und Toleranz-Blockwarte angesprochen wurden.
Zusätzlich waren ca. 35 zufällig anwesende Bar-Gäste in der Dachlounge. Als ich die Irritation in deren Gesichtern sah, taten mir die Eurovisionsmänner fast leid. Sie sortierten, werteten und besprachen ihre jahrelang gesammelten trockenen Datenmengen zum Telefonvoting, Juryvoting, zu Ratings und Rankings, nur um zu erklären, wie eine Abstimmung organisiert werden muss, damit ein ESC-Sänger und ein 3-Minuten-Pillepalle-Musikstück ermittelt werden, mit denen man beim ESC 12 Punkte bekommt. Ein ahnungsloser Gast fragte mich schließlich kurz vor Schluss:
Ist das hier eine Betriebsversammlung? Eine Betriebsversammlung, bei der betriebsfremde Menschen in ihrer Eigenschaft als Homosexuelle und in ihrem Hobby Eurovision angesprochen werden, damit sie sich für Belange von privater EBU, Rundfunk, Datananalysefirmen, Musik- und Telekommunikationsindustrie engagieren. Von 15000 Bewerbern will die Datenanalysefirma durch intensives Auswahlverfahren 100 Fans ermitteln. Oder muss ich schreiben „zurück gewinnen“? Neben ahnungslosen Nachwuchs-Fans eben auch jene echten ESC-Fans, die man seit 1998 mit schadenfreudigen Polarisierungs-Strategien und Zensur verprellt hat?
Die 100 ausgewählten Fans werden nicht nur online abstimmen, sondern müssen zu gegebener Zeit auch Vor-Ort-Termine wahrnehmen. Die Reisekosten sollen - glaube ich - erstattet werden, aber von Verdienstausfällen oder Vergütungen wurde nicht gesprochen, womit ich wieder bei der emotionalen Ausbeutung wäre… Und ich gehe davon aus, dass diese 100 auch im Social Media die Werbetrommel rühren werden, und das nicht mit Accounts von NDR, Digame oder Telekom.
Im Gegensatz zu vorangegangenen Meldungen sollen diese 100 ausschließlich Deutsche sein, nun mit der Begründung, dass das deutsche Televotingergebnis fast deckungsgleich mit dem europäischen Endergebnis ist. Nanu! Im krassen Gegensatz zur Abstimmung bei der deutschen Vorentscheidung, wo sie ständig „falsch“ wählen und verlieren, wählen Deutsche also beim ESC repräsentativ? Einen besseren Beleg für die Unsinnigkeit des neuen Konzeptes hätte der NDR nicht bringen können.
Solange die Qualität der Auswahl gedrosselt wird, hat der Wähler keine Chance Ich befürchte, dass das den auserwählten Teilnehmern vor lauter Euphorie egal wird. Wer überhaupt an solche Abstimmungsmarathone interessiert ist, wird sich ohnehin kaum ein Lied länger als 15 Sekunden anhören. Bei manchen wird es sogar egal sein, ob über Automarken, Steichelzoo oder Musik abgestimmt wird.
Dass mir bei diesem Top-Down-Konzept schließlich die Bezeichnung “Putin‘s Trollfabrik“ einfiel, war auch der Tatsache geschuldet, dass man selbst bei diesem Zusammentreffen ohne Seitenhiebe auf Russland nicht auskam.
Widersprüche und Kritisches zum neuen Konzept
Viele Länder entziehen sich der Abstimmung Beklagt wurde, dass es europaweit zu wenige Anrufer gibt, so dass die Abstimmungen in vielen Ländern nicht als repräsentativ herangezogen werden können. Mit der Feststellung, dass sich die Teilnahme am Telefonvoting überwiegend auf die westeuropäischen Kernländer der Eurovision beschränkt, wurde immerhin (m)eine Verschwörungstheorie zur Realität erklärt: Dass nämlich seit einigen Jahren die Anrufe aller Länder addiert werden, hat nichts mit Spannungsaufbau, sondern ausschließlich mit mangelndem Interesse zu tun.
Gründe sieht man darin, dass in vielen Ländern das Telefonvoting nicht sehr verbreitet und darüber hinaus sehr teuer ist. Damit wird aber unterschlagen, dass viele westeuropäische Telefonvoter nur mit Gewinnen von Geld, Autos, iPhones, Reisen etc. ans Telefon gelockt werden. Zudem unterschied man zwischen Interesse am ESC und am Telefonvoting, was aber nicht weiter belegt wurde. Es könnte sich ja auch um ein generelles Desinteresse handeln.
Was sagen die Digame-Statistiken über europäische Telefonvoter aus? Der Kern bestehe aus „jungen, Party-affinen, homosexuellen, toleranten Menschen“. Bissig formuliert wäre das nun also die betrogene Gruppe, die lt. Medien von den erfolgreichen russischen, türkischen, slawischen oder armenischen Diasporas jahrelang überstimmt und „beschissen“ wurde.
Das Adjektiv tolerant wurde erstmals 2013 in Bezug zu sexuellen Vorlieben und Aussehen von Conchita Wurst strapaziert und weist darauf hin, dass eben nicht nur Musikgeschmack, sondern tatsächlich Einstellungen und Verhalten gemessen bzw. konditioniert werden. Konditionierung zum einen, indem die Kunstfigur Wurst schon seit Jahren in einem Negativbezug zu Russland gesetzt wird. Konditionierung findet auch im Unausgesprochenen statt: Die Eigenschaft der Toleranz wird positiv besetzt und impliziert, dass die Masse der europäischen Anrufverweigerer einer nicht akzeptablen Intoleranz zugeordnet wird.
Mit Worthülsen wird den deutschen Homosexuellen und rechten LGBT ein hegemonialer Habitus antrainiert 2016 wurde Europa belehrt, dass „Toleranz“ aus humanistischer Sicht schnell zum Etikettenschwindel werden kann. Es gewann nämlich nicht der „tolerant angeschwulte“ Beitrag aus Russland, sondern ein schwerfälliges Lied über Stalin eines ukrainischen Schreihalses. Hier demonstrierten die Juroren größtmögliche Toleranz gegenüber inhumane militärische Anliegen der NATO und Intoleranz gegenüber Russlands Interessen.
Auch Putinphobie wurde während der Präsentation gepflegt, z. B. als es um die Begründung zur Beliebtheit von Conchita Wurst im intoleranten, homophoben Russland ging. Von russischen Telefonvotern wurde sie 2014 auf den 1. Platz und von russischen Juroren auf immerhin den 2. Platz gesetzt. Erklärung: Es handele sich um Anrufer aus den Ballungsgebieten Moskau und St. Petersburg, und diese Städte repräsentieren nicht „Putins Russland“. Ist das so? Oder biegt man sich für Abstimmungsfakes nur passende Erklärungen zurecht?
Wie Ratten im Versuchslabor Für Verhaltensforscher sicherlich interessant zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich Menschen immer bereitwilliger beliebige und unglaubwürdige Abstimmungen und PR-Märchen nicht nur schön reden, sondern auch noch vehement gegen „Intolerante“, „Ungläubige“ und „Verschwörungstheoretiker“ verteidigen, ohne auch nur einen einzigen Beleg für die Korrektheit der Zahlen vorweisen zu können.
Das schlechte Abschneiden Deutschlands der letzten Jahre erklärte Thomas Schreiber damit, dass die Musikindustrie falsch vorbestimmt hätte, dass er in Gremien überstimmt worden war, dass Mitarbeiter nicht umgestimmt werden konnten, dass eine anonyme Öffentlichkeit verstimmt gewesen sei, dass Komponisten ihm nicht zugestimmt hätten, dass das Publikum falsch abgestimmt hätte… Eine überzeugende Ausgangsposition für nun noch mehr Abstimmungen bot er damit nicht.
Und solange es keine Transparenz darüber gibt, wer über wen und was in den Hinterstuben der Rundfunkhäuser und Datenanalysefirmen bestimmt, traue ich den Konzepten und Statistiken auch weiterhin nicht.
Das erinnert spontan an Joachim Gauck: „Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem“. Deswegen müssen sie ausgetauscht werden, und beim ESC kann man das schon mal testen.
Auf die wachsende Legitimationskrise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks reagiert der NDR mit Disqualifikation des deutschen Publikums, das für die ESC-Niederlagen verantwortlich sei und tauscht es mit dieser Begründung gegen ein international zusammen gebasteltes Publikum aus. Als Sanktionsmaßnahme müssen die Deutschen diese Demütigung mit GEZ-Gebühren finanzieren, was wiederum ein schöner Aufhänger für Identitäre und AfD sein dürfte.
Kniefall vor denen, die den Deutschen nie Punkte geben Jüngste Pressemitteilungen könnten fast als Hilferuf einer verkannten nationalen Rundfunkanstalt an die internationale Gemeinschaft missverstanden werden, wenn sie nur nicht alle in deutscher Sprache geschrieben wären: „Internationaler Publikumsgeschmack und internationale musikalische Fachkompetenz sollen Deutschland wiedererkennbar, kantig und erfolgreich machen.“ Ob wirklich Fachkompetenz gefordert ist, sei dahin gestellt. Schaut man sich das Verfahren genauer an, kann es eigentlich nur um die Forderung nach „richtigen“ Vorlieben und „richtigem“ Verhalten gehen: "Wir möchten dich besser kennenlernen. Dazu musst du 15 Minuten aufwenden, in denen du uns durch 2 x 6 Video-Bewertungen deinen Musikgeschmack zeigst."
Das nationale Publikum hat die falschen Vorlieben und verhält sich falsch Es ist lt. NDR selbst bei trivialen Abstimmungen nicht fähig klug zu entscheiden. Dass man es jedoch immer nur zwischen Pest und Cholera entscheiden lässt, wird verschwiegen. Dass es am Schluss überhaupt noch am Telefonvoting teilnehmen darf, ist wohl nur den kommerziellen Interessen der Telekommunikationsindustrie zu verdanken, so wie der NDR ohnehin auch in seinem neuen Konzept ausschließlich der Industrie verpflichtet zu sein scheint.
Data-Mining zur Vermeidung der Bildung einer kritischen Masse Unterstützung holt man sich von der Datenanalysefirma Firma Simon-Kucher & Partners. Diese sammeln Nutzerdaten und haben für die Ermittlung eines Verbraucher-Panels einen speziellen Algorithmus entwickelt. Als Laie denkt man bei dieser Art Algorithmen an Facebook und Amazon, die die User unaufgefordert mit Werbung belästigen, welche angeblich zum Profil passe. Manchmal gibt es auch willkürliche Sperren.
So ein Algorithmus setzt aber beim NDR-Konzept voraus, dass man im Voraus eine genaue Vorstellung vom Siegerbeitrag hat. Tatsächlich ermittelte der NDR auf Grundlage „vorher definierter musikalischer Genres“ 5 potenzielle Siegersongs. Ich befürchte, dass der Algorithmus rein rechnerisch zu den 5 Siegersongs die passenden Jubelscharen rekrutiert.
Weitere Nutzerdaten zu Geschmack und Verhalten stammen von der Kölner Firma Digame, die seit Jahren für das Votingverfahren beim internationalen ESC verantwortlich ist – und deren Ergebnisse noch nie von unabhängigen Journalisten überprüft wurden. Die Daten der europäischen Anrufer werden also tatsächlich für Profiling und Wiederverwertung gespeichert. Achtung: Wer für die russischen Beiträge angerufen hat, ist als Kreml-Troll gebrandmarkt.
Statistiken suchen Statisten 10000 Europäer werden im Internet beobachtet, im mehrstufigen Auswahlverfahren überprüft, daraus 100 rekrutiert, diese stellen das sog. internationale Europa-Panel. Diesem Panel wird eine internationale Experten-Jury aus ca. 25 Personen beigesellt, die schon in anderen europäischen Ländern an Abstimmungen bei Vorentscheidungen mitgewirkt haben.
Das Europa-Panel wählt aus Bewerbungen 20 Kandidaten aus, daraufhin prüft der NDR die Eignung dieser Kandidaten. Danach wählen das Europa-Panel und die Expertenjury 5 Teilnehmer für die Vorentscheidung im TV. Diesen 5 ESC-Hoffnungsträgern werden dann die vorher ausgewählten 5 Songs zugewiesen.
Mit Musik und Mitbestimmung hat das Ganze nichts mehr zu tun Medien wünschen kein echtes Publikum mehr, das Publikum soll keinen Wert mehr auf „Credibility“ legen. „Glauben“ soll man stattdessen an intransparente Ergebnisse und Verfahren maschinenmäßiger Abstimmungsprozeduren, die zu gegebener Zeit mit den genauso künstlichen Rankings der Wettbüros korrespondieren und von künstlich erstellten Pressemitteilungen massenhaft beworben werden.
Und was sagt der ARD-Programmdirektor Volker Herres? "Ganz ehrlich gesagt will ich in meiner Amtszeit gar nicht so unbedingt noch mal gewinnen, denn dann ist man im nächsten Jahr Gastgeber, und das ist teuer." :::
Deutsche Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest 2017: Schwache Show, schwache Kandidaten, 2 Durchschnittslieder und kaum jemanden hat es interessiert. Hand auf‘s Herz: In Anbetracht des politisch-militärischen ESC-Schwindels ist diese Bescheidenheit nicht unangebracht. Wer soll das alles noch glauben? Da bastele man lieber an der eigenen Unscheinbarkeit, bevor jemand genauer nachfragt.
Der letztjährige Siegertitel war dermaßen konsequent am Musikmarkt vorbei produziert, dass sich bereits 1 Tag später niemand mehr an ihn erinnerte. Und dafür soll das europäische Party-Publikum massenhaft angerufen haben? Weil sie angeblich Russland in die Fresse treten wollten? Weil sie angeblich von Schlagzeilen über Ukraine, Krimkrieg, Donbass und Maidan nicht genug bekommen können? LACHHAFT, aber genau diese Kriegshetze ist der Rahmen für die Promotion der Popmusik.
Gute Miene zum bösen Spiel Mit einer Abstimmungsorgie kuschte man vor der Telekommunikationsindustrie. Was dabei herauskommt, ist Klappsmühle:
Erst sangen 5 Kandidaten 5 Coversongs, dann wurde abgestimmt.
Daraufhin sangen nur noch 3 Kandidaten die 1. ESC-Auftragskomposition, dann wurde abgestimmt.
Nun sangen die verbliebenen 2 Kandidaten die 2. ESC-Auftragskomposition, dann wurde abgestimmt.
Als Ergebnis blieb 1 Interpretin für 2 Auftragskompositionen, dafür wurde abgestimmt.
Zwischendurch wurden Abfrageergebnisse und Statistiken aus dem europäischen Ausland vorgeführt und so getan, als sei dies die Meinung unabhängiger Fans. Da es sich allerdings um gebundene und gelenkte Konsumentengruppen handelt, haben diese Statistiken 0 Aussagewert.
Brav kuschelte man mit transatlantischen Interessengruppen, indem man aus 2000 meist aus Deutschland eingereichte Stücke ausgerechnet 2 US-Kompositionen (Tantiemen!) auswählte. Das Siegerlied klingt dennoch nach volkstümlichem Schlager à la Helene Fischer, aber nur weil es in englischer Sprache gesungen wird, soll es repräsentativ für die aktuelle internationale Popmusikszene sein… Dass kurz darauf auch noch Plagiatsvorwürfe laut wurden, krönt das geduckte Theater.
Celebrate Diversity! Mit 45 unbeschriebenen Rampen-Säuen und ihren US-Durchschnittsliedern in englischer Sprache Alle europäischen Teilnahmeländer „finden“ vorschriftsmäßig zufällig ein US-Radio-Mainstream-Lied. Angesichts Open-Society-Privilegien und europäischer Wahnsinnstoleranz die totale Selbstverleugnung, nichts Europäisches, bislang nicht mal ein „Refugee-Welcome-Star“ am Start.
Die Notwendigkeit eines solchen Klappsmühlentheaters weist darauf hin, dass die amerikanische Vormachtstellung in der Popmusik nicht mehr selbstverständlich ist. Ob mit militärischer Unterstützung was zu retten ist, bleibt unklar; der ukrainische Siegertitel „1944“ von Jamala hatte zumindest keine Ohrwurmqualitäten.
Im Folgenden die wie eine unausgesprochene Drohung im „Spiegel“ aufgezählten willigen Vollstrecker, die die deutsche Eurovsionsdampflok Levina mit ihrem Perfekten Leben zur Traumkarriere in die USA – pardon – in die Ukraine schicken:
NDR: Thomas Schreiber, Leiter des NDR Programmbereichs Fiktion & Unterhaltung
und ARD Unterhaltungskoordinator
NDR: Carola Conze, ESC Head of Delegation Germany
rbb: Aditya Sharma, Leiter der Musikredaktion beim Radio-Jugendprogramm „Fritz“
Raab TV: Claudia Gliedt, Leiterin der Musikredaktion
Musikalische Experten:
Wolfgang Dalheimer, musikalischer Leiter der Show und Chef der Show-Liveband
Willi Ehmann (Senior Vice President Domestic Sony Music GSA)
Henrik Gümoes (Director A&R AOR-Labelgroup)
Manfred Rolef (Vice President AOR-Labelgroup)
An der Auswahl der Songs waren zudem die Produzenten der beiden Songs beteiligt:
für “Wildfire”: Swen Meyer (u.a. Tim Bendzko, Lena, Tomte, Kettcar, Dick Brave)
für “Perfect Life”: Roland Spremberg (u.a. a-ha, Helene Fischer (!), Unheilig, Roger Cicero, The Baseballs)
Das Team hinter Siegerlied "Perfect Life", drei Songwriter aus den USA, und zwar Lindy Robbins (wirkte an großen Hits von den Backstreet Boys ("Incomplete"), David Guetta ("Dangerous") und Jason Derulo ("Want to Want Me") mit; ihr Kollege Dave Bassett war einer der Autoren von Elle Kings Hit "Ex's & Oh's"; die Dritte im Bunde, Lindsey Ray, schrieb Songs, die von Demi Lovato und Mariah Carey interpretiert wurden.
Vor kurzem gab der NDR die 5 Teilnehmer der deutschen Vorentscheidung zum ESC bekannt. Auf youtube kann man hören, wie die jungen Frauen wieder vor sich hinmurmeln, die Männer ihre Töne herauspressen, alle in der Hoffnung, damit einem vermeintlichen US-Ideal nahe zu kommen. Alle Sprachen außer englisch sind verpönt. Noch nie nahm ein Repräsentant der Migration an der Vorentscheidung teil, so auch dieses Jahr nicht. Und das in Deutschland, das laut Eurovisions-interessierte Grüne Partei "Vielfalt und Respekt lebt, modern und weltoffen ist, anstatt Angst zu machen".
US-Militainment entlarvt Anliegen der Offenen Gesellschaft als Worthülsen Die Open Society Foundation, Robert-Bosch-Stiftung, Bertelsmann-Stiftung, Stiftung Futurzwei, Diakonie, Denkfrabrik adelphi-research, Deutsche Filmakademie, deutsch plus, das Deutsche Theater u. a. fordern auf, „365 Tage Offene Gesellschaft“ zu feiern, von der Filmpremiere über das Musikfestival, die Debatte, das Theaterstück bis hin zur Demonstration. Dennis Schmidt-Bordemann klärt auf, dass wir „für ein offenes, tolerantes und humanes Europa einen Wettstreit der Ideen, der Phantasie, der Kreativität brauchen“.
Wieso aber werden dann populäre Wettkämpfe wie der ESC
mit altmodischen anglo-amerikanischen Beiträgen immer eintöniger und sprachärmer,
mit nichtssagenden Castingstars und ihren abgerichteten Fans immer einfältiger,
durch Monopolstellung eines amerikanischen Labels immer wettbewerbsfeindlicher und
gegenüber Nicht-Nato-Länder immer aggressiver und inhumaner?
Die einfältigsten Unterhaltungsangebote entlarven die Worthülsen und Durchhalteparolen der Politiker als Terror gegen die gesamte Bevölkerung Die Diskrepanz zwischen hochtrabenden Ansprüchen transatlantischer Glaubensbekenntnisse zur Offenen Gesellschaft bei gleichzeitiger Verunmöglichung der Umsetzung im Alltag scheint darauf angelegt, alle Beteiligten – Einheimische wie Zugereiste – zu irritieren und unter ihnen den Selbst- und Fremdhass zu schüren, indem sie die historische, kulturelle und sprachliche Selbstverleugnung als das 1. Gebot verkünden. Dafür möchte ich ein paar Beispiele geben:
Wo sind die Refugees, die mit ihrer Musik- und Sprachtradition unseren kulturellen Wettstreit anfeuern? Sie sollen doch mit uns auf unseren Sofas sitzen, von unserem Bierchen trinken, aus unserer Chiptüte essen, mit uns im Koran lesen, aber dann ausgerechnet auf ihre eigene Popularkultur verzichten?
Hier meine Auswahl für eine Vorentscheidung:
Wenn überhaupt, dürfen sich junge Migranten in Deutschland nur in Moscheen, Dönerbuden und bestenfalls im Rap austoben, sich dann aber mit dem Etikett „Parallelgesellschaft“ abwerten lassen.
Nie werde ich vergessen, wie mir die Kinnlade herunterfiel, als Deso Dogg 2008 auf RBB Radio Fritz seine Biografie schilderte. Unbeaufsichtigt auf der Straße aufgewachsen, schon als Kind von Drogen-Dealern abhängig und erpressbar gemacht. Dieser Lebenslauf wird sich bei den zahllosen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen wahrscheinlich wiederholen. Deso Doggs daraus resultierende Radikalisierung trug einerseits zur Stigmatisierung der Migrantenkultur bei, wichtiger noch ist, dass diese brutale Seite der Migrationsgeschichte als wesentlicher Bestandteil deutscher Nachkriegsgeschichte für Historiker einfach kein Thema ist.
Als ESC-Fan habe ich gelernt, dass die Spielregeln des US-Militainment eine einzige Anstrengung sind, um jede Form der Solidarität zu verhindern
Selbstgerecht streichen sich die Vertreter der Offenen Gesellschaft über ihre Bäuche: „1945 gab es in Deutschland 55 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene, befreite Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge; seither schreiben wir eine unglaubliche Erfolgsgeschichte der Integration, fortgesetzt später durch die Integration der sogenannten Gastarbeiter, der Boat-People aus Vietnam und Laos, der Jugoslawien-Flüchtlinge, der Spätaussiedler.“
Ich halte dagegen: Schon die beschämende Bezeichnung „Flüchtling“ zementiert einen Notstand, mit der sich für die hegemoniale US-Unkultur automatisch ein Stolz auf Sprache, Herkunft und Tradition verbietet. Lustigerweise könnten sich an diesem Punkt Refugees und sog. Rechtspopulisten, die die deutsche Sprache und Tradition verteidigen, solidarisieren.
Länder wie Norwegen schienen auf den ersten Blick etwas fortschrittlicher, als sie 2014 einen jungen Einwanderer aus Somalia an der norwegischen ESC-Vorentscheidung teilnehmen ließen. Mohamed 'Mo' Farah Abdi , bekannt als Überlebender des Breivik-Attentates, reichte uns die Hand, sang von „Heilung“.
Leider entschied man sich in Norwegen lieber für einen mit Schnulze getarnten Türsteher und ehemaligen Kosovo-Kämpfer. Zufall?
Die offene Gesellschaft zu Ende gedacht ist Gehirnwäsche und Totalitarismus Forderungen der Offenen Gesellschaft werden im Unterhaltungsangebot der Medien nicht umgesetzt. Millionen Formatradios dudeln 24 Stunden am Tag anglo-amerikanisches Zeug. Im TV dominieren Castingshows, in denen anglo-amerikanische Coverversionen rauf und runter gesungen werden. US-Serien in Wiederholungsschleife. Der deutsche Film wird immer beschissener. Die Eurovisionsstars verdienen nur noch als konfektionierte Kunstprodukte amerikanischer Militärindustrie Beachtung. Gerade bei der Eurovision kann man studieren, wie die US-Musikindustrie das Gesamt-Niveau in Europa immer mehr herunter drückt.
Herrn Schrag finde ich übrigens wirklich charmant, auch wenn sein Auftritt wohl nicht ganz ernst gemeint ist ;-)
Dann wurde auf den Internetseiten des WDR ein Interview mit Jochen Rausch veröffentlicht, das mir stellenweise aus dem Herzen spricht:
„Vom ARD-Hörfunk sind die großen Popwellen dabei […] Die ARD erhofft sich insgesamt davon, ein jüngeres Publikum zu erreichen, und wir beim Hörfunk haben da Kompetenz. Wir vom Radio haben bei jüngeren Leuten deutlich mehr Erfolg als das Fernsehen.“ Das ist wohl so.
Na also, geht doch! Die Raabschen Berührungsängste mit einer Fachzielgruppe und Musikern scheint wie weggeblasen. Und richtig: Ging es nicht darum, das Ansehen unserer deutschen Beiträge beim Contest mit angemessener Werbung und anspruchsvoller Musik zu verbessern? Warum dann nicht gleich so? Und wozu eigentlich die Kooperation mit PRO Sieben und Stefan Raab? Und wieso ein Casting?
Ach, ich will ja nicht schon wieder grübeln. Warte ich doch lieber auf weitere positive Überraschungen.
Der Einfluss der Politik auf den Eurovision Song Contest wird von den meisten nur bei der Punktevergabe wahrgenommen. Ich meine, dass auch die nationale Auswahl deutscher Beiträge Aufschluss gibt über den jeweiligen politischen Trend.
Die Bemühungen der 50er und 60er Jahre sind kaum nennenswert. Erst Mitte der 60er, also zwischen dem Rücktritt Adenauers und Brandts Wahl änderte sich das politische Klima grundlegend, erst nun gelang es dem deutschen Schlager Anschluss an die internationale Entwicklung zu finden. Das gemeinsame Erfolgsrezept sozialliberaler Politik und deutschem Schlager war „die erfolgreiche Integration des bis dahin Ausgegrenzten“, in der Musik waren das z. B. Gitarren, Bass, Rock- und Soulrhythmen. Hießen unsere heimlichen Stars ohnehin Mick Jagger und Janis Joplin, kam jetzt eine Deutsche hinzu, nämlich Katja Ebstein. 1970 erreichte sie beim Song Contest mit Platz 3 das bis dahin beste deutsche Ergebnis. Als sie ein Jahr später mit einem Umwelt-Schlager noch mal dritte wurde, war der Höhepunkt der Politisierung des Schlagers jedoch schon erreicht. Dass 1982 Nicole mit einer Friedensschnulze gewann, ist
Eine andere Geschichte. Für mich war das „bisschen Frieden“ Ausdruck der von Kohl angedrohten geistig-moralischen Wende. Es beschwor eine hysterische Weltuntergangsstimmung, besang die Resignation, die Heimat- und Naturverbundenheit und das kleine persönliche Glück des volkstümlichen Schlagers. Ach, und es hätte so schön werden können, wenn z. B. bereits 1976 Ina Deter als deutsche Teilnehmerin zum Song Contest geschickt worden wäre. Als spätere Vertreterin der Neuen Deutschen Welle stand sie für einen innovativen, selbstbewussten und humorvollen Schlager. Die NDW durfte uns unter Kohl natürlich nicht beim ESC vertreten. Erst als sich der progressivere Teil der NDW vom Schlager verabschiedete, durfte der verbliebene konservative Teil zum Ende der 80er Jahre das besinnungslose, entideologisierte Spaßjahrzehnt einläuten, dass in Guildo Horn, Stefan Raab und einem Spaßkanzler Schröder seine schrägen Höhepunkte feierte. Aber jetzt habe ich vorgegriffen.
Piep, piep, piep 1995 entfiel die Vorentscheidung, der MDR schickte ein Retortenduo ins Rennen und irgendwie meine ich mich zu erinnern, dass dieser Beitrag von ‚Kohl als Jury’ favorisiert wurde. Ergebnis war der legendäre 1 Punkt aus Malta. 1996 ließ man uns gar nicht erst antreten. 1997 zeigten wir uns mit einem steifen, konservativ-barocken Beitrag unbelehrbar deutsch. Und dann kam 1998. Der Regierungswechsel lag in der Luft, die Telekom mischte das Ganze mit Telefonvoting auf zugunsten von Raab und Horn. Auch nun wurde wieder die „erfolgreiche Integration des bis dahin Ausgegrenzten“ praktiziert, man entdeckte nämlich die Homosexuellen als Zielgruppe. Diese feierten für die nächsten 2 Jahre mit den Siegen einer israelischen Transsexuellen und einem künstlich aufgemachten, schwedischen Wesen ihre Höhepunkte.
Also wissen Se, nee! Bis 2005 schlugen wir uns dann wacker durch, mit dem Regierungswechsel war der Spaß vorbei. Gegen die wachsende Dominanz osteuropäischer Länder setzte man Merkels Busenfreundschaft zu Bush entgegen. Erzkonservative amerikanische Genres wie Country, Swing und Musical (sorry, hier fehlten 0,5%), die sonst kein Deutscher irgendwo zu hören bekam, repräsentierten uns beim Contest. So viel Unglaubwürdigkeit und Anbiederei wurde dementsprechend vom europäischen Publikum abgestraft.
Da sich Geschichte gerne wiederholt, darf man sich jetzt fragen wie es weiter geht:
a) einen Regierungs- und damit einhergehend einen Konzeptwechsel beim NDR wie 1998 wird wohl niemand ernsthaft wittern.
b) 1 Punkt aus Malta wegen Aufgewärmtes, wegen Mut- und Ideenlosigkeit? (Fortenbacher)
c) Oder wird endlich mal wieder etwas „bislang Ausgegrenztes erfolgreich integriert“? (Bushido)
d) Jetzt kommt der Gau: Verdrängung eigener Unzulänglichkeit und Spielverderberei beim Wettbewerb (Big 4), metaphernreiche Ressentiments gegenüber Osteuropa, gedämpfte Schadenfreude über die erzwungene autoritäre Jury, Abschaffung der Zuschauerpartizipation und vollständige Kontrolle über die deutsche Vorentscheidung… passt bestens zu einem Kanzler Roland Koch. Da empfehle ich Ralph Siegel, der angesichts einer Weltwirtschaftskrise die hysterische Weltuntergangsstimmung schürt, mit Resignation und Heimatverbundenheit schmeichelt und uns in die Grenzen unseres kleinen persönlichen Glückes zurückverweist.
(Die Überschrift ist Titel eines Liedes von Bully Buhlan, komponiert von Günter Neumann 1949)