Donnerstag, 22. Juni 2017

Mein erstes Erlebnis mit dem ESC dauerte 30 Jahre

Vor kurzem fiel mir mein Weltempfänger wieder in die Hände, plötzlich kam in mir die Erinnerung an das Transistorradio auf, das mir als Kind unentbehrlich war. Beim Essen, im Sandkasten und im Bett war das Transistorradio immer dabei.  

Ich war über jede Hitparade informiert, ob im Saarländischen Rundfunk mit Dieter Thomas Heck, auf Radio Luxemburg mit Frank Elstner oder auf Hansawelle Bremen, der die Bravo-Hitlisten spielte. Auch liebte ich es, auf Mittel- und Kurzwelle nach Sender, Sprachen und Musik fremder Länder zu lauschen. 

Natürlich gehörten auch die Musikwettbewerbe im TV zu meinen Jahreshöhepunkten, wie die Deutschen Schlager-Festspiele aus Baden-Baden und der Deutsche Schlager-Wettbewerb. Wegen der exotischen Musik schaute ich auch gerne Programme für Gastarbeiter, sie hießen Cordialmente dall' Italia, Aqui Espana, Jugoslavijo, dobar dan und Türkiye mektubu. Aber mein erstes ESC-Erlebnis war untrennbar mit dem Transistorradio verbunden. 

Es begann am Sonntag, den 07.04.1968 
Mit 9 Jahren durfte ich zum ersten Mal ohne Eltern in unsere Dorfkirche und zuschauen, wie die Großen (14 Jahre) konfirmiert wurden. Man muss dazu wissen, dass diesen Konfirmationen stets 2 harte Jahre und 1 ebenso harte Prüfung vorausgegangen sind. Wir mussten alle den Katechismus, das halbe Gesangbuch und gefühlt 1/3 des Neuen und Alten Testamentes auswendig lernen, was für so manches ostfriesische Kind, das erst in der Grundschule Hochdeutsch gelernt hatte, kaum zu bewältigen war. 

Natürlich wurden die Konfirmationen ernst und feierlich zelebriert, die Mädchen in schwarzen, später in weißen Kleidern, die Jungen in schwarzen Anzügen. Ich bekam eine Gänsehaut, als die Gemeinde das Lied „Mein Schöpfer steh mir bei“ anstimmte. Heute kann man sich das in etwa so vorstellen. Ich gestehe, dass diese Choräle für mich auch heute noch das Beste sind, was die Musikgeschichte je hervorgebracht hat. Daran konnte auch der ESC nichts ändern.  

Wie die ESC-Juroren schon in den 60ern eine Konfirmation in Ostfriesland fast zum Scheitern brachten 
An diesem Konfirmationsgottesdienst im April 1968 stimmte etwas nicht. In den Reihen der Konfirmanden herrschte eine Unruhe, so dass der strenge Pastor sie von der Kanzel ermahnen musste. Nach dem Gottesdienst stellte ich mich auf dem Kirchvorplatz zu den Großen und lauschte, warum sie so aufgebracht waren. Ich erfuhr Sensationelles: 

  • Am Abend vorher war im Fernsehen ein Musikwettbewerb ausgestrahlt worden
  • An diesem Musikwettbewerb nahmen Musiker aus verschiedenen europäischen Ländern teil
  • Für Großbritannien hatte Cliff Richard teilgenommen, dessen Lieder wie „Du bist mein erster Gedanke“ meine Mutter bei der Hausarbeit rauf und runter sang
  • Cliff Richard war mit nur 1 Punkt Rückstand hinter einem langweiligen Lied einer Spanierin Zweiter geworden, und dies wegen skandalösen Wertungen

Das reichte. Diesen Musikwettbewerb würde ich im nächsten Jahr nicht verpassen. 

Mein Lied 
Die Wochen gingen ins Land, bis ich eines Abends im Bett auf Kurzwelle plötzlich ein Lied hörte, dass mich sofort in seinen Bann zog. Die Sängerin sang deutsch mit französischem Akzent, was zu der damaligen Zeit fast untrennbar zum Erfolg des Schlagers dazugehörte. Viele beliebte Stars in Deutschland hatten entweder einen skandinavischen, englischen, französischen oder italienischen  Akzent. Dieses Lied war so schön, dass ich mir einredete, dass es an diesem sagenumwobenen europäischen Musik-Wettbewerb teilgenommen haben MUSSTE. Leider verklang das Lied, ohne dass ein Moderator Titel und Sängerin genannt hätte… 

Dass ich dieses Lied nie mehr vergaß, hat wahrscheinlich nicht nur mit dem Lied, sondern auch mit der besonderen Situation des „Trouvaille“ zu tun. Man hat nicht systematisch danach gesucht, es wurde einem nicht mit Werbung aufgezwungen, sondern die unermesslichen Weiten der Radiowellen brachten mit schönen Klängen für 3 Minuten plötzlich und unerwartet die intime häusliche Atmosphäre zum Mitschwingen. 

Ärger statt Unterhaltung 
Natürlich schaute ich mir dann den Grand Prix Eurovision de la Chanson 1969 und in den Folgejahren an, aber die Wertungen blieben ein ewiges Ärgernis. Bereits 1970 saß ich genauso fassungslos vorm TV wie 1968 die „Großen“, als Mary Hopkin aus Großbritannien mit ihrem wunderschönen „Knock Knock, Who‘s There“ hinter einem mäßigen Lied einer völlig unbekannten Irin auch nur Zweite wurde. Vicky Leandros‘ Siegerlied von 1972 war zwar ok, aber ich hatte es zuvor schon zu oft auf Radio Luxemburg gehört. Wieso waren die anderen Lieder nicht gespielt worden? Der Grand Prix von 1973 langweilte mich. Mit dem Sieg Abbas in 1974 war meine Geduld am Ende. 

Break On Through To The Other Side  
DJ Rio de Luca Wittmund
Bereits Anfang der 70er Jahre spalteten sich Musikfans in ein kommerzielles und progressives Lager, und ich gehörte aufgrund meines Geschmackes mittlerweile zur progressiven Liga. Statt abends TV zu schauen, trampten wir regelmäßig zu allen Discotheken in Norddeutschland. Dass das für uns mehr als nur Unterhaltung war, hat das Schlossmuseum in Jever in Zusammenarbeit mit der Universität Oldenburg in einer hochinteressanten Ausstellung herausgearbeitet.

Aufgrund der in unserer Gemeinde stationierten jungen US-Soldaten, den in den Häfen von Wilhelmshaven und Emden gestrandeten Indern, den niederländischen Piratensendern um uns herum und den jungen Männern, die als Wehrdienstverweigerer ständig zwischen Berlin und Ostfriesland pendelten, waren wir in Sachen Musik, Mode und Trends gut informiert (und mit Drogen versorgt). 

Abba stand für alles Abartige der kommerziellen Musik 
Ihre affige Optik, hohl tönernde „Bumsmusik“ und mörderische Marketingstrategie stand für die Zerstörung der Musik. Diese Haltung  wurde auch in Schweden mit einem radikalen Gegen-Contest bestätigt, der allerdings nicht als musikalischer Ersatz gesehen werden konnte.  Trotzdem ist es aus unserer damaligen Perspektive als Teenies bis heute bedenklich, wie die Abba-Vermarktung im kommerziellen Lager mit künstlicher Legendenbildung Geschichtslüge betreibt. Abbas Sieg hat 1974 nichts Gutes bewirkt, sondern den ESC musikalisch nur noch mehr verstümmelt. 

Zumindest ist mir seit meinem 10. Lebensjahr immer wieder bestätigt worden: Beim ESC sind die 1. Plätze selten legendär, und wenn, dann nur wegen abstruser Wertungen. Musikalische Legenden findet man erst ab Platz 2 und abwärts. 

Zufällig zappte ich an einem Sonnabend im Mai 1996 durchs Fernsehprogramm  
und blieb, aufmerksam geworden durch schräge Kommentare, beim Eurovision Song Contest hängen. Ich hatte gerade über den 3. Bildungsweg – als früheres Arbeiterkind ohne Vorkenntnisse im Instrumentalspiel und Musiklehre – ein sauschweres Musikstudium mit Schwerpunkt Musik in Massenmedien und Kirchen hinter mich gebracht und lechzte nach seichter Unterhaltung. 

Wie sich der deutsche Kommentator Ulf Ansorge über die ESC-Show lustig machte, amüsierte mich über alle Maßen. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste war, dass er dazu aufgefordert wurde, weil Deutschland schon im Vorfeld disqualifiziert worden war. Dass Irland bei gleichzeitigen EU-Subventionen in den 90ern diesen und auch vorangegangene ESCs gewann, bestätigte mir nur ein weiteres Mal die Unglaubwürdigkeit der Wertungen.

Zugleich fiel mir auf, dass viele Lieder gar nicht so übel waren. Als Folkfan war ich erstaunt über den Auftritt von Dan Ar Braz für Frankreich. Polen wagte düstere Dramatik und präsentierte sich damit wie ein Gegengift zu Abba. Aber auch der Song aus Schweden klang schön hymnisch. Dass der schöne Song von Benny Anderssons Sohn Peter Grönvall komponiert worden war, milderte mein Negativurteil über Abba. Kroatiens Gesangsperformance war schrill. Malta, Estland, Norwegen, Finnland und Niederlande fand ich nett. Hochkarätig schließlich Portugal und Griechenland. Und sofort stellte sich wieder die Frustration von früher ein: 

Diese Lieder wirst du nie wieder hören 
So lange ich zurückdenken kann hört man im deutschen Rundfunk ausschließlich anglo-amerikanische Musik. Einfache Popmusik aus dem europäischen Ausland scheint dagegen genauso unerreichbar wie Unterhaltungsmusik aus der Südsee oder aus der Antike. Wer nach deutscher oder europäischer Musik verlangt, wird schnell als Ewig-Gestriger, Geschmacksverirrter oder gar Nazi abgestempelt. Und wo die Schublade „Volksmusik“ partout nicht passen will, versuchen bis heute transatlantische Schwärmer mit dümmlichen Attacken zu diskreditieren

Selbst 2010 war es immer noch nicht möglich, ein Musikstück aus Slowenien normal zu erwerben, und wenn, dann nur als teuren US-Import(!)  Daran hat selbst das Internet nicht viel geändert. Die letzten Ausgaben des ESC weisen vielmehr darauf hin, dass europäische Musik schon vor Ort zugunsten abgegriffener anglo-amerikanischer Genre in leichter englischer Sprache systematisch zerstört wird. 

Das Internet machte interessante Netzwerke sichtbar 
Hatte man in den 60er und 70er Jahren als Teenie im abgelegenen Ostfriesland nicht den Hauch einer Chance, nach europäischer Popmusik zu recherchieren (höchstens nach Folkmusic in Plattenläden und Spezialzeitschriften), hatte sich dies bis 1996 mit dem Internet etwas verbessert. Ich fand zwar nicht die Songs, aber dafür einen europäischen Fanclub zum ESC, der für einen exklusiven, geschlossenen Kreis Lieder und Videos aller Jahrgänge anbot. Nur musste ich für die Singles ziemlich tief in die Tasche greifen. Egal, ich deckte mich erst mal ein. 

Erst 1998 fiel mir mein Erlebnis mit Konfirmation und Transistorradio wieder ein und ich bestellte mir den ESC von 1968. Endlich konnte ich mir ein Bild davon machen, was die „Großen“ damals so gefesselt und aufgeregt hatte. Das Video kam, ich machte es mir vor dem Videorecorder gemütlich – und schlief bereits nach dem 2. Lied ein. Erst zur Wertung wachte ich wieder auf. Die Show war zwar langweilig, aber ich zwang mich dann doch, mir zumindest die Lieder nacheinander anzuhören. 

Und dann kam es unerwartet nach 30 Jahren tatsächlich zu mir zurück: Mein Lied 
Es fällt mir schwer auszudrücken, welche Gefühle in mir aufstiegen, als plötzlich das Lied erklang, dass ich bis dahin nur ein einziges Mal 1968 auf Kurzwelle gehört hatte, nun allerdings in französischer Sprache. Statt Festivitäten wie Konfirmation, Hochschulabschluss oder ESC sind eher die unerwarteten und banalen Momente des Alltags so besonders, dass man sie kaum mitteilen kann. Ich erinnerte mich noch gut, wie ich als Kind nur FANTASIERT hatte, dass dieses Lied am ESC teilgenommen habe – und nun war es tatsächlich dabei. 

Mit dem Abstand von Jahrzehnten hörte ich, was für mich als Kind berauschend schön gewesen war und stellte fest, dass ich auch im vorangeschrittenen Alter zu meinem Musikgeschmack von damals und zu meinem noch stets gespaltenen Verhältnis zum ESC stehe.


Isabelle Aubret belegte mit "La Source" am 06.04.1968 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in London den 3. Platz.


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