Posts mit dem Label Aserbaidschan; Azerbaijan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Aserbaidschan; Azerbaijan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 13. April 2012

Deutsche Treibjagd um den Eurovision Song Contest dreht auf Vollrausch

In Deutschland gerät der Eurovision Song Contest zunehmend in die Negativschlagzeilen. Die Medien berichten mehr über angebliche Missstände im Austragungsland Aserbaidschan als über Musikstücke und Interpreten. Wer sich intensiver mit Politik und Wirtschaft beschäftigt mag wissen, welchen Zweck diese Politisierung verfolgt. Mir als organisierter ESC-Fan soll das aber egal sein. Nicht die Politik, sondern ausschließlich die Musik ist mein Hobby und es schmerzt, wenn mir mein Hobby durch die Einmischung der Politik zerstört wird.

Beispielhaft für Agitation ist der Spiegel-Artikel Unser Eklat für Baku von Stefan Niggemeier vom 16.02.2012. Schon der Auftakt provoziert: „Zu Gast bei Schurken? Party beim Diktator?“ Diese Polemik zieht sich durch den gesamten Artikel. Die von Niggemeier zitierten Menschen werden wie in einer Inquisition vorgeführt, die Politisierung des ESC und die Aserbaidschan-Frage werden zu reinen Gewissensfragen. „Es ist schwierig, sich da zu positionieren (…), ohne dass man jemanden Unrecht tut“, so die kluge, weil ausweichende Antwort der Musikerin Alina Süggeler (Frida Gold). Das aber nimmt Niggemeier sofort zum Anlass, der ARD auch gleich eins zu verpassen: Diese habe nämlich „bislang darauf verzichtet, das Land (Aserbaidschan) zum Thema zu machen."

Fazit des Artikels: Die Dämonisierung des Orients scheint abgemachte Sache, jetzt müssen nur noch alle in Linie gebracht werden. Seitdem werden die Vorwürfe von Menschenrechtsorganisationen auf Onlinemedien im Stundentakt repetiert. Was den Initiatoren dieser Kampagne dabei aus dem Blickwinkel gerät ist, dass die Wahl ihrer Zielgruppe (Berufsgruppen und private Interessengruppen rund um einen Schlagerwettbewerb) sowie die Art ihrer Berichterstattung mit politischer Rationalität, Information und Aufklärung nichts zu tun haben: Laien werden mit außenpolitischen Themen überrumpelt, ihnen wird eine Positionierung abverlangt, eine Meinung nahegelegt und ein Betroffenheitskult aufgezwungen. Ist das jetzt die hohe Schule der Diplomatie, der Politik? Betroffen macht mich bestenfalls, dass weder die Fanclubs noch die Organisatoren vom NDR oder der EBU diesem offensichtlichen Missbrauch des Eurovision Song Contestes die rote Karte zeigen.

Der unauffällige Weg rechter Ideologien in den Pop-Mainstream
Diese Medienberichterstattung schafft die harmlose, verspielte Unterhaltungsshow ab. Die ehemals eher belächelte Show wurde schon 2009 zur ernsten Angelegenheit deutsch-nationalen Ausmaßes umformuliert. Die Musik tritt in den Hintergrund, hervor gestrichen werden nun Schlagworte wie Emotionalisierung und Länderwettstreit. Nur welche Zielgruppe will man damit erreichen? Nach meiner Beobachtung der letzten zwei Jahre entwickeln sich die ehemals smarten schwulen Fan-Communities mit den früheren Meinungsführern wie Georg Ücker und Thomas Hermanns und ihrem Faible für operettenhafte Ästhetik mehr und mehr zu locker organisierten, aber gut vernetzten Gruppen, die gerade in einem Länderwettstreit ihr Freund-Feind-Schema pflegen können.

Prominentestes und hoffentlich abschreckendes Beispiel ist ein Zitat aus dem Manifest des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik: "Saturday May 14 - Day 13: It's the Eurovision finale today. I just love Eurovision...!:-) It's a lot of crap music but I think it's a great show all in all. I've seen all the semi finals and will take the time of to watch it later today, online. My country has a crap, politically correct contribution as always....I hope Germany wins". Breivik legt in diesem Manifest nicht nur Pfade zur Eurovision, sondern auch zu Politically Incorrekt. Verwirrend? Für mich seitdem ein Grund, die gesamte Berichterstattung einschließlich ihrer Internetkampagnen rund um den ESC mit großer Vorsicht zu genießen.

Rebellen und ESC-Hooligans
Und nun wird ausgerechnet Thomas D, diesjähriger Jury-Chef und Produzent von Roman Lob das deutsche Gesicht einer aktuellen Internetkampagne für mehr Meinungsfreiheit im Gastgeberland des Eurovision Song Contestes in Aserbaidschan. Es ist gut, wenn Musiker ihre Verantwortung Ernst nehmen und sich gegen Missstände aussprechen. Die besten Beispiele für Erfolg lieferten schon zahlreiche Soli-Konzerte. Nur: Im Rahmen eines kommerziellen Länderwettstreites wirkt dieses Engagement bestenfalls wie PR für den deutschen Markt und bewirkt international genau das Gegenteil: Die Entsolidarisierung der Musiker und Fans (OGAE).

Zudem stellt eine solche Kampagne die Organisatoren vor unlösbare Probleme. Was tun, wenn die Gemüter sich aufheizen, die Situation sich destabilisiert, eskaliert? Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. So berichtete Ria Novosti am 06.04.2012, dass "Sicherheitskräfte in Aserbaidschan bei den jüngsten Sonderoperationen 17 Mitglieder einer illegalen bewaffneten Gruppierung festgenommen haben, die Diversionen und Terroranschläge auf dem Territorium der Republik geplant hatten [...] mit dem Ziel, die gesellschaftspolitische Stabilität im Land zu untergraben und Panik in der Bevölkerung zu säen." In Folge wurden Fans im Internet mit weiteren geplanten Terroranschlägen auf den ESC verunsichert, die aber von dem aserbaidschanischen Terrorismus-Experten Kamil Salimov noch als unrealistisch eingestuft werden.

Fazit
Mein Eindruck ist, dass Musiker und Fans von dieser Treibjagd überrumpelt werden. Aufallenderweise trug der b. e. Artikel der Frankfurter Rundschau bei der Erstveröffentlichung am 02.04.2012 den Namen Thomas D im Titel, einen Tag später springt uns nur noch sein Foto entgegen. Auch scheinen sich Thomas D und Roman Lob nie zuvor mit dem ESC beschäftigt zu haben. Dann wäre ihnen zumindest die verblüffende Ähnlichkeit ihres gekauften Songs „Standing Still“ mit dem aserbaidschanischem Siegersong des Vorjahres „Running Scared“ aufgefallen: Die gleichen Akkorde, die gleichen Kadenzen, das gleiche Thema, der fast gleiche Titel. Am deutschen Wesen die Welt genesen lassen, und zugleich mit einer Kopie des Feindes an den Start gehen?

Der ESC in Aserbaidschan – Made in Germany
Bei all dem heraufbeschworenen Groll wird völlig außer Acht gelassen, dass sich gerade die Deutschen beim ESC in Aserbaidschan an Mangel über lukrative Aufträge nicht beklagen können. Die deutsche Alpine Bau Deutschland AG und das Berliner Büro Gerkan, Marg und Partner bauen die Baku Crystal Hall, Lichtvision aus Berlin ist für die Lichtgestaltung und Brainpool für die Produktion der Show verantwortlich.


...

Freitag, 23. März 2012

Aserbaidschan - Das Wesentliche am Eurovision Song Contest ist die Musik

Am liebsten beschäftige ich mich beim ESC mit den unscheinbaren Interpreten, meist musikalische Handwerker, die im künstlichen Glamour der industriellen Konfektionsware leicht übersehen werden. Zu den Ländern mit Hochglanzprodukten gehört sicherlich auch Aserbaidschan, dass zwar erst seit 2008 dabei ist, aber in dieser kurzen Zeit alles erreicht hat:

2008 Platz 8,
2009 Platz 3,
2010 Platz 5,
2011 Platz 1.

Dennoch möchte ich Aserbaidschans Vorentscheidungsmarathon "Milli Secim Turu" nicht unerwähnt lassen, denn hier dominiert nicht der blendende Glanz und der Konsumterror, sondern eine für die Kandidaten sehr arbeitsintensive Prozedur.

Das Verfahren war wie folgt: Von ca. 150 Bewerbern wurden 71 Teilnehmer intern ausgewählt, diese wurden in 8 Gruppen eingeteilt. Ab dem 28.11.2011 mussten Teilnehmer jeder Gruppe innerhalb einer Woche jeden Abend ein Pflichtprogramm durchlaufen, und zwar Montag Evergreen, Dienstag aserbaidschanisches Lied, Mittwoch Eurovisions-Hit, Donnerstag Lied mit Schwerpunkt Performance, Freitag freie Liedwahl. Via SMS-Voting und Jury wurde der wöchentliche Sieger ermittelt.

Die Auftritte kann man sich einzeln auf youtube anschauen. Es war ein kleines Erlebnis, sich durch die 355 Clips der Vorrunde durchzuklicken, von unmöglich bis sagenhaft war alles dabei. Allerdings hatte ich nie das Gefühl, dass hier Interpreten vorgeführt wurden wie beispielsweise bei DSDS. Im Gegenteil: Die kleine Bühne, das zurückhaltende Publikum wie letztenendes auch die unspektakulären wöchentlichen Entscheidungen ließen den Wettbewerbsmarathon eher wie eine praktisch-methodische Prüfung an einer Musikschule erscheinen.

Kooperativ und unterhaltsam fand ich vor allem die Kategorie ESC-Lied. Zum einen werben sie mit diesen Liedern für den ESC im Allgemeinen, rückwirkend auch speziell für seine Kandidaten und ihre Lieder. Darüberhinaus lassen die Sänger durch ihre jeweilige Auswahl an ESC-Liedern ihre Vorlieben erkennen und sich somit für Fans besser einordnen. Aber auch die Kategorie aserbaidschanisches Lied ist für Musikinteressierte von unschätzbarem Wert. Aserbaidschan hat natürlich eine andere Musik- und Gesangstradition als wir Westeuropäer, somit klingen viele dieser Lieder für uns gewöhnungsbedürftig. Ich war erstaunt, dass die meisten Teilnehmer, obwohl sie offensichtlich anglo-amerikanische Popmusik machen möchten, den aserbaidschanischen Gesangsstil kennen und viele ihn sogar sehr gut beherrschen.

Ein sympathisches Highlight war für mich z. B. die Einbindung der Kollegen des aserbaidschanischen Fanclubs OGAE. Sie durften mit dem Song "Angel In Disguise" einen Pausenact bestreiten. Der Gesang klang zwar etwas schief, was aber mit einer netten Performance wieder ausgeglichen wurde. (OGAE = Organisation Générale des Amateurs de l'Eurovision)

Mein persönliches Highlight des diesjährigen Milli Secim Turu war die Sängerin Ülker Quliyeva, dies vor allem in der Kategorie aserbaidschanisches Lied mit dem Beitrag „Kor Erebin Mahnisi" (The Blind Arab). Sie sang wie eine Göttin, sah aus wie eine Kriegerin und hielt am Schluss ein gefährliches Messer in die Kamera. Das ist doch mal was!



Von den 8 Wochensiegern konnten sich in einer weiteren Wochen-Show mit gleichen Anforderungen schließlich 5 Kandidaten für das Finale qualifizieren. Das Finale fand vor mehreren tausend Zuschauern im Heydar Aliyev Palace in Baku am 12.02.2012 statt und konnte auch live im Internet verfolgt werden. Beim Finale stimmte nur eine Jury über den Kandidaten ab, diese bestand aus dem Direktor des öffentlich-rechtlichen Senders Ictimai, mehreren renommierten aserbaidschanischen Musikern und Künstlern, einem Musikprofessor sowie einem Mitarbeiter des Ministeriums für Kultur und Tourismus. An der Zusammensetzung erkennt man, dass man der Musik und dem ESC in Aserbaidschan eine hohe Wertschätzung entgegen bringt.

Die Siegerin dieser Wahnsinnsprozedur heisst 2012 Sabina Babayeva, die dieses Jahr zu den erfahreneren Sängerinnen gehörte. Ihre bevorzugten musikalischen Genres sind neben Pop vor allem Soul und Jazz. Bühnenerfahrung erwarb sie sich in sieben Jahren Zusammenarbeit mit der Jazz-Band Aypara. Weil das aber nicht reicht, wird sie - wie ihre Vorgänger auch - für ihren ESC-Auftritt extra noch mal von ukrainischen Experten gecoacht.

Nach all den Wochen war ich auf Sabinas Beitrag gespannt wie ein Flitzbogen. Eine öffentliche Ausschreibung gab es nicht, Aserbaidschan setzte auf die seit Jahren bewährte erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Schweden Anders Bagge, Sandra Bjurman, Stefan Örn und Johan Kronlund. Sie schrieben, komponierten und produzierten ein Lied, das als eine Soul-Ballade perfekt auf Sabina Babayeva's markante Stimme zugeschnitten ist. Im Gegensatz zu den Vorjahren hat man diesmal auch aserbaidschanische Musiker mit eingebunden, und zwar Ogtay Sharifov, Sarkhan Vahabov, Shirzad Fataliyev, Yashar Bakhish und Aserbaidschans bekanntesten Mugham-Sänger Alim Gasimov als Backgroundsänger. Sie geben dem Stück einen Hauch orientalischen Flair und beweisen, dass zumindest in der Musik das lebendige Zusammenspiel von Orient und Okzident verblüffend gut harmoniert.

Sabina Babayeva "When The Music Dies"



.....

Sonntag, 19. Februar 2012

Merci Baku – „Standing Still“ abekupfert vom aserbaidschanischen Siegersong „Running Scared“

Man nehme Melodie und Rhythmus von Running Scared und singe es mal bei Standing Still von Roman Lob mit. Passt perfekt! Selbst zwischen den zwei Liedtiteln bestehen ja schon Korrelationen.

Dass sich Poplieder leicht ähneln, ist klar. Dass auch mal Anleihen bei anderen Liedern gemacht werden auch. Aber dass einer professionellen Jury bei der Casting-Show „Unser Star für Baku“ die Ähnlichkeit ausgerechnet mit dem Siegersong des vorangegangenen Jahres aus Baku nicht auffällt, ist schon merkwürdig.

Lieber bejubelt man unermüdlich einen Medienstar wie Raab mit seinem vielbeschworenen Sinn für Trends, Musik und Stars, hebt die geballte "Qualität" der Kooperation ARD mit der Privatwirtschaft hervor, um dann in wochen- und abendfüllenden einschläfernden Casting-Shows einem Buben ein Lied zu ermitteln, dass ausgerechnet dem Siegersong des Vorjahres verblüffend ähnelt... Für die Aserbaidschaner fürwahr eine Lachnummer!

Dass das niemanden auffallen will, beweist erstens, dass sich in Deutschland kaum noch jemand für Raab & Co. interessiert (Quotenflop) und dass zweitens die deutsche Journaille werbende Pressemeldungen vor Veröffentlichung nicht mal mehr überprüft. Auch eine Art der Pressefreiheit...




...

Sonntag, 25. Dezember 2011

Guttenbergerei beim Eurovision Song Contest

Haben wir Schlagerfans des Eurovision Song Contestes also demnächst den Guttenberg am Hals…? Absurder Gedanke, mögen viele jetzt denken, und so versuche ich mal, mein Unbehagen zu erklären.

Vorab: Als mehr oder weniger unpolitischer ESC-Fan maße ich mir nicht an, über Weltpolitik zu urteilen, auch möchte ich nicht den Eindruck erwecken, für irgendein Land Partei zu ergreifen. Ich möchte lediglich zum Ausdruck bringen, dass mich der Missbrauch des ESC für politische Zwecke, vor allem für Hetzkampagnen, nervt. Sie sorgen nachhaltig für eine Entsolidarisierung unter den Fans (auch innerhalb Deutschlands) und verkehren den Zweck dieser Unterhaltungsshow in sein Gegenteil.


Unbehagen wegen Guttenberg

stellte sich nicht nur bei mir als ESC-Fan ein, sondern u. a. auch beim Blog
MedienMittweida. Dort lese ich, "dass Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg neuer EU-Beauftragter für Netzfreiheit wird. Offiziell soll der Mann mit den vielen Vornamen herausfinden, wie Blogger und Cyberaktivisten in autoritären Ländern unterstützt werden können.“ Weiter heißt es im Blogtext „In militärischem Jargon erklärte Guttenberg während seiner Vorstellungs-Pressekonferenz, seine „Heimatbasis“ seien die USA." Ein EU-Beauftragter mit Heimatbasis USA klingt für mich eher nach einer Kriegserklärung, ich hoffe, dass dies ein Missverständnis ist.

Unbehagen wegen politischer Vereinnahmung der ESC-Fankultur

ist berechtigt, sobald ein osteuropäisches Land den ESC gewinnt. Dann nämlich beginnen die Hetzkampagnen, natürlich stets auf Grundlage außermusikalischer Themen wie z. B. der Homosexualität. Vor dem Contest in Belgrad 2008 gab es vordergründig nur noch ein Thema, und zwar die Schwulenfeindlichkeit der Serben. Ein Jahr später bekam Russland als austragendes Land diesen Vorwurf noch mehr zu spüren. Die deutsche Journaille einschließlich ihrer Lohnschreiber und Mietmünder überbieten sich noch heute, wenn sie von der niedergeprügelten Schwulendemo aus Moskau berichten.


Dumm nur, dass es so eine Demo in dem Maße nie gegeben hat. Ich war zu der Zeit in Moskau: Einen Tag vor dem Finale kam es lediglich zu einem kleinen Zwischenfall an der Lomonossow-Universität mit weißrussischen Studenten, vielleicht ja solche Weißrussen, für die sich vor kurzem
Karin Göring-Eckhart im DLF einsetzte, weil diesen die Annahme der finanziellen Unterstützung aus dem Ausland untersagt wurde. Nun, eine aus dem Ausland finanzierte Opposition wird wohl kein Land gerne dulden, warum dann Weißrusland?

Zurück nach Moskau 2009: Am Finaltag war es kalt und regnerisch, der Rote Platz war gesperrt und rundherum herrschte emsiges Markttreiben.
Wie ich herausfand, gab es weder einen Organisator oder Ansprechpartner für eine Demo, noch gab es eine Demo-Route, über Kundgebungen war nichts bekannt, es gab nicht mal interessierte Schwule. Es gab nur Gerüchte, mit denen man Russland vor der Weltöffentlichkeit während des Contestes diffamierte und schlechte Stimmung verbreitete.

Aserbaidschan und Homosexualität

Gleich nach dem Sieg Aserbaidschans konnte man schon wieder den Kopf einziehen. X-beliebiger Beispieltext, diesmal aus der
britischen Regenbogenpresse: “However the Muslim country has a dodgy track record of prejudice towards gays. Thousands of gay Eurovision fans, who make up a massive percentage of supporters at the contest, are threatening to boycott it.” Und hier noch einen Text zur Bestätigung aus ATV Today.

Sonderbar, sonderbar… aber der Vorwurf der Schwulenfeindlichkeit scheint bislang nicht richtig zu ziehen, zumindest nicht in Old-Germany. Zum einen haben die deutschen Organisatoren mit der fast religiös-inbrünstigen Hofierung von Merkelberater Nikolaus Meyer-Landruts Nichte den Bogen überspannt, zum andern profitiert die deutsche Wirtschaft von der Austragung in Baku. Die für die Austragung erbaute Baku-Crystal-Hall wird nämlich von der Alpine Deutschland GmbH gebaut, und für die Produktion der TV-Show hat man Brainpool TV GmbH als Kooperationspartner gewonnen, worauf die deutschen Unternehmen stolz wie Könige sind. In Aserbaidschan spielt Geld bekanntlich keine Rolle, was bei Stefan Raab anders zu sein scheint. Zwei Jahre lang versuchte er sich gegen den selbst kreierten ESC-Erzfeind Aserbaidschan zu profilieren – vergeblich. Die Tantiemen seines unermüdlichen Lena-Fleißes fließen nicht in seine Taschen, sondern wie gehabt ins Land der Politiker-Flüsterer.


Stattdessen kommt neben den fast schon lachhaften Angriffen der armenischen Diaspora - natürlich aus den USA - die undurchsichtige
Hetze jetzt aus Dänemark. Der dänische Fanclub-Präsident fordert auf zum Boykott? Auslöser sei der geplante Abriss von Wohnhäusern in Baku zugunsten der Baku-Crystal-Hall. Nur warum zeigen Dänen nicht den Hauch von Betroffenheit, wenn es um Klagen der Berliner Hausbesetzerszene oder um Opfer der allgemeinen Gentrifizierung geht? Was bei uns mit Verweis auf Sachzwängen gar nicht erst diskutiert wird, stellt also in Aserbaidschan eine Menschenrechtsverletzung dar? Wenn das mal nicht noch kontraproduktive Folgen hat...

Dann also mal die Menschenrechte im Allgemeinen…

"Die Grundrechte sind die Ecksteine des Erfolgs des Eurovision Song Contest. Jetzt fordert die Europäische Rundfunkunion vom autoritär geführten Aserbaidschan Garantien, dass diese eingehalten werden“, so das
Handelsblatt oberlehrerhaft am 01.09.2011.
Aber stimmt es, dass die EBU prangerte und forderte? Ich fand dazu keine Information, im Gegenteil, die EBU schien schon im September 2011 zufrieden: Jørgen Franck, Direktor ad interim vom EBU Television Department: “Every year, the contest has something new to offer. Based on what I've heard today, I am sure that we will see a magnificent show next year in Baku. We fully support Ictimai TV in that, and will continue to work closely with you also after the contest."

Dann noch die sog. Menschenrechtler im Besonderen

Wie berechtigt die Vorwürfe von Menschenrechtsorganisationen im Einzelnen sind und welche Maßstäbe sie ihren Beurteilungen jeweils zugrunde legen, sei hier dahingestellt. Als Beobachterin finde ich es nur fragwürdig, wie uns ESC-Fans ihre Ergebnisse vermittelt und dass sie ausgerechnet in einem passenden Timing mit dem ESC auf den Tisch gebracht werden.


Getarnt als Graswurzelbewegung werden wir mit der Betroffenheit von Bloggern und Aktivisten geradezu überrumpelt. Offensichtlich geht es diesen Menschenrechtlern aber nicht um die Emanzipation von Unterdrückten, sondern sie produzieren Appelle, die beschimpften Länder in Bausch und Bogen zu verurteilen. Wer diese Appelle in Frage stellt, macht sich leicht zur Unperson. Genau an dieser Stelle beginnt die Entsolidarisierung der Fans und damit die Zerstörung einer gewachsenen Fan-Kultur innerhalb Europas. Gewollt?


Einem Mann wie Guttenberg, der aus seiner Abhängigkeit von Netzwerken keinen Hehl mehr macht, der auf sich allein gestellt nicht viel zu können scheint, dem schon die Aura der kriminellen Energie umgibt, traue ich durchaus zu, sich als Anstifter solcher Kampagnen herzugeben.

Die diesbezüglichen Statements der Aserbaidschaner erscheinen mir im Gegensatz dazu nachvollziehbarer. Ich fasse kurz zusammen: Die Menschenrechtsorganisationen geben ihre Quellen nicht an, korrigieren die falschen Zahlen nicht, schreiben voneinander ab, und schreiben im Interesse der Länder, von denen sie finanziert werden…und zwar Guttenbergs „Heimatbasis“.

Zum Schluss sei erwähnt, dass mir Obamas jüngstes Vorhaben, sich für Schwulenrechte im Ausland zu engagieren (s. Ria Novosti vom 08.12.2011), im Zusammenhang mit dem ESC mit Sorge erfüllt. "Professor Viktor Kremenjuk vom Institut für USA und Kanada ist der Ansicht, dass Obama nicht nur innenpolitische Ziele verfolgt. Wie das Thema Menschenrechte kann auch der Schutz von Homosexuellen als Instrument für den Druck auf ausländische Regierungen verwendet werden."
Auch wenn so viel amerikanische Fürsorge die Eitelkeit der Schwulen schmeicheln mag, werden sie hoffentlich nicht so dumm sein, blind darauf anzuspringen. Ginge es nämlich wirklich um die Belange von Homosexuellen, müsste Obama erst mal im eigenen Land anfangen.

Samstag, 11. Juni 2011

Infoportal der OGAE-Aserbaidschan online

apa.az teilt mit, dass Baku-Reisende zukünftig alle nötigen Informationen zum Eurovision Song Contest 2012 in Baku, Aserbaidschan, auf der Website des ESC-Fanclubs OGAE Aserbaidschan finden werden.

Dieser Relaunch war nötig, da bereits schon jetzt viele mit der Suche nach einer geeigneten Unterkunft begonnen haben. Die aserbaidschanischen Fans möchten auf ihrer Website detaillierte Informationen über Hotels und anderen Unterkunftsmöglichkeiten, über Kultur, Land und Leute und vor allem auch wertvolles Insiderwissen zu den Unterhaltunszentren in Baku, dazu Servicethemen und Nützliches für den Aufenthalt in der Hauptstadt für ihre Gäste zusammentragen. Die Website ist in den drei Sprachen Aserbaidschanisch, Russisch und Englisch verfügbar.

15.05.2011. Baku im Ausnahmezustand. Es war nicht die Fußball-WM, es war Aserbaidschans erster ESC-Sieg!




...

Sonntag, 15. Mai 2011

Nach dem Overkill Fernweh nach Aserbaidschan

Bei ihrer erst 4. Teilnahme insgesamt gewann Aserbaidschan den 56. Eurovision Song Contest. Mir ist kaum ein Land bekannt, dass sich so um einen ESC-Sieg bemüht hat wie Aserbaidschan, den Freudentaumel gönne ich ihnen von Herzen.

Für mich war es ein Überraschungssieg. Im Gegensatz zu den vorangegangenen 2 Jahren war dieses Jahr ständig Bewegung in der Wertetabelle, so dass die Spannung bis zum Schluss anhielt, was den Contest - selbst wenn es interne Absprachen oder Nachbarschaftsvotings gegeben haben sollte - ein Stückchen Glaubwürdigkeit zurückgebracht hat.




Deutschland und Irland als die moderneren und jüngeren Beiträge des Abends finde ich unterbewertet, obwohl Lenas irrsinniger Gesichtsausdruck mit den aufreizenden Posen ihr "Taken By A Stranger" schon deplatziert und ausgestiegen wirken ließen.

Ausgerechnet die am meisten beworbenen Universal-Stückchen landeten somit im Mittelfeld, dafür war ihr Italiener Raphael Gualazzi mit Platz 2 der Durchstarter des Abends (seit 1970 sind für mich die Zweitplatzierten die wahren Sieger). Ausgerechnet der einzige Teilnehmer, der mit keiner Silbe beworben wurde und den nur ein paar Fans auf ihrer Favoritenliste hatten, und der wie erwartet mit reiner Leistung und Originalität bestach! Verehrtes Universal-Music, wenn das also möglich ist, dann bitte mehr davon und stattdessen keinen Castingmüll mit Social-Media-Kampagne mehr.


Der Kommentator Peter Urban hat die Zuschauer mehrere Male beschwichtigt, dass Lena nie wieder am Song Contest teilnehmen würde. Abgesehen davon, dass sie schon - wenn auch scherzhaft, aber man weiss ja nie - andeutete, im nächsten Jahr als Komponistin zurückzukehren, lenkt diese Beschwichtigung vom eigentlichen Problem der Lena-Kampagne ab, denn das ist nicht Lena Meyer-Landrut. Es war die Penetranz, mit der uns dieser künstliche Hype um ein Testimonial ausschließlich zugunsten der Privatwirtschaft fast 2 Jahre lang um Augen und Ohren gehauen wurde. 20x Lena, d. h. 20x das gleiche Motiv bei verschwindend geringen Einschaltquoten, da erübrigt sich die Frage nach der Qualität - und im Sinne der Rundfunkgebührenzahler eigentlich auch nach der Fortführung dieses Konzeptes.


Im Großen und Ganzen bot Düsseldorf von der Organisation, über Arenaausschmückung bis hin zur Moderation einen unterhaltsamen und professionellen Eurovision Song Contoest. Sie dürfen genauso stolz sein wie die Aserbaidschaner!

Aber für mich war es kein Contest aus Deutschland, sondern eben aus Westdeutschland. Irgendwie sieht es aus Berliner Perspektive so aus, als wäre die Wiedervereinigung noch nicht in Düsseldorf angekommen. Opening Act, deutscher Beitrag und Pausenact hörten sich immer noch nach unbezaubernder amerikanischer Besatzungszone an. Statt Jan Delay hätten für meinen Geschmack genauso gut z. B. Dirk Michaelis, Hans Eckard Wenzel, Polarkreis 18, Silly oder oder oder... die Pause bestreiten können.





.