Am liebsten beschäftige ich mich beim ESC mit den unscheinbaren Interpreten, meist musikalische Handwerker, die im künstlichen Glamour der industriellen Konfektionsware leicht übersehen werden. Zu den Ländern mit Hochglanzprodukten gehört sicherlich auch Aserbaidschan, dass zwar erst seit 2008 dabei ist, aber in dieser kurzen Zeit alles erreicht hat:
2008 Platz 8,
2009 Platz 3,
2010 Platz 5,
2011 Platz 1.
Dennoch möchte ich Aserbaidschans Vorentscheidungsmarathon "Milli Secim Turu" nicht unerwähnt lassen, denn hier dominiert nicht der blendende Glanz und der Konsumterror, sondern eine für die Kandidaten sehr arbeitsintensive Prozedur.
Das Verfahren war wie folgt: Von ca. 150 Bewerbern wurden 71 Teilnehmer intern ausgewählt, diese wurden in 8 Gruppen eingeteilt. Ab dem 28.11.2011 mussten Teilnehmer jeder Gruppe innerhalb einer Woche jeden Abend ein Pflichtprogramm durchlaufen, und zwar Montag Evergreen, Dienstag aserbaidschanisches Lied, Mittwoch Eurovisions-Hit, Donnerstag Lied mit Schwerpunkt Performance, Freitag freie Liedwahl. Via SMS-Voting und Jury wurde der wöchentliche Sieger ermittelt.
Die Auftritte kann man sich einzeln auf youtube anschauen. Es war ein kleines Erlebnis, sich durch die 355 Clips der Vorrunde durchzuklicken, von unmöglich bis sagenhaft war alles dabei. Allerdings hatte ich nie das Gefühl, dass hier Interpreten vorgeführt wurden wie beispielsweise bei DSDS. Im Gegenteil: Die kleine Bühne, das zurückhaltende Publikum wie letztenendes auch die unspektakulären wöchentlichen Entscheidungen ließen den Wettbewerbsmarathon eher wie eine praktisch-methodische Prüfung an einer Musikschule erscheinen.
Kooperativ und unterhaltsam fand ich vor allem die Kategorie ESC-Lied. Zum einen werben sie mit diesen Liedern für den ESC im Allgemeinen, rückwirkend auch speziell für seine Kandidaten und ihre Lieder. Darüberhinaus lassen die Sänger durch ihre jeweilige Auswahl an ESC-Liedern ihre Vorlieben erkennen und sich somit für Fans besser einordnen. Aber auch die Kategorie aserbaidschanisches Lied ist für Musikinteressierte von unschätzbarem Wert. Aserbaidschan hat natürlich eine andere Musik- und Gesangstradition als wir Westeuropäer, somit klingen viele dieser Lieder für uns gewöhnungsbedürftig. Ich war erstaunt, dass die meisten Teilnehmer, obwohl sie offensichtlich anglo-amerikanische Popmusik machen möchten, den aserbaidschanischen Gesangsstil kennen und viele ihn sogar sehr gut beherrschen.
Ein sympathisches Highlight war für mich z. B. die Einbindung der Kollegen des aserbaidschanischen Fanclubs OGAE. Sie durften mit dem Song "Angel In Disguise" einen Pausenact bestreiten. Der Gesang klang zwar etwas schief, was aber mit einer netten Performance wieder ausgeglichen wurde. (OGAE = Organisation Générale des Amateurs de l'Eurovision)
Mein persönliches Highlight des diesjährigen Milli Secim Turu war die Sängerin Ülker Quliyeva, dies vor allem in der Kategorie aserbaidschanisches Lied mit dem Beitrag „Kor Erebin Mahnisi" (The Blind Arab). Sie sang wie eine Göttin, sah aus wie eine Kriegerin und hielt am Schluss ein gefährliches Messer in die Kamera. Das ist doch mal was!
Von den 8 Wochensiegern konnten sich in einer weiteren Wochen-Show mit gleichen Anforderungen schließlich 5 Kandidaten für das Finale qualifizieren. Das Finale fand vor mehreren tausend Zuschauern im Heydar Aliyev Palace in Baku am 12.02.2012 statt und konnte auch live im Internet verfolgt werden. Beim Finale stimmte nur eine Jury über den Kandidaten ab, diese bestand aus dem Direktor des öffentlich-rechtlichen Senders Ictimai, mehreren renommierten aserbaidschanischen Musikern und Künstlern, einem Musikprofessor sowie einem Mitarbeiter des Ministeriums für Kultur und Tourismus. An der Zusammensetzung erkennt man, dass man der Musik und dem ESC in Aserbaidschan eine hohe Wertschätzung entgegen bringt.
Die Siegerin dieser Wahnsinnsprozedur heisst 2012 Sabina Babayeva, die dieses Jahr zu den erfahreneren Sängerinnen gehörte. Ihre bevorzugten musikalischen Genres sind neben Pop vor allem Soul und Jazz. Bühnenerfahrung erwarb sie sich in sieben Jahren Zusammenarbeit mit der Jazz-Band Aypara. Weil das aber nicht reicht, wird sie - wie ihre Vorgänger auch - für ihren ESC-Auftritt extra noch mal von ukrainischen Experten gecoacht.
Nach all den Wochen war ich auf Sabinas Beitrag gespannt wie ein Flitzbogen. Eine öffentliche Ausschreibung gab es nicht, Aserbaidschan setzte auf die seit Jahren bewährte erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Schweden Anders Bagge, Sandra Bjurman, Stefan Örn und Johan Kronlund. Sie schrieben, komponierten und produzierten ein Lied, das als eine Soul-Ballade perfekt auf Sabina Babayeva's markante Stimme zugeschnitten ist. Im Gegensatz zu den Vorjahren hat man diesmal auch aserbaidschanische Musiker mit eingebunden, und zwar Ogtay Sharifov, Sarkhan Vahabov, Shirzad Fataliyev, Yashar Bakhish und Aserbaidschans bekanntesten Mugham-Sänger Alim Gasimov als Backgroundsänger. Sie geben dem Stück einen Hauch orientalischen Flair und beweisen, dass zumindest in der Musik das lebendige Zusammenspiel von Orient und Okzident verblüffend gut harmoniert.
Sabina Babayeva "When The Music Dies"
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Freitag, 23. März 2012
Sonntag, 15. Mai 2011
Nach dem Overkill Fernweh nach Aserbaidschan
Bei ihrer erst 4. Teilnahme insgesamt gewann Aserbaidschan den 56. Eurovision Song Contest. Mir ist kaum ein Land bekannt, dass sich so um einen ESC-Sieg bemüht hat wie Aserbaidschan, den Freudentaumel gönne ich ihnen von Herzen.Für mich war es ein Überraschungssieg. Im Gegensatz zu den vorangegangenen 2 Jahren war dieses Jahr ständig Bewegung in der Wertetabelle, so dass die Spannung bis zum Schluss anhielt, was den Contest - selbst wenn es interne Absprachen oder Nachbarschaftsvotings gegeben haben sollte - ein Stückchen Glaubwürdigkeit zurückgebracht hat.
Deutschland und Irland als die moderneren und jüngeren Beiträge des Abends finde ich unterbewertet, obwohl Lenas irrsinniger Gesichtsausdruck mit den aufreizenden Posen ihr "Taken By A Stranger" schon deplatziert und ausgestiegen wirken ließen.
Ausgerechnet die am meisten beworbenen Universal-Stückchen landeten somit im Mittelfeld, dafür war ihr Italiener Raphael Gualazzi mit Platz 2 der Durchstarter des Abends (seit 1970 sind für mich die Zweitplatzierten die wahren Sieger). Ausgerechnet der einzige Teilnehmer, der mit keiner Silbe beworben wurde und den nur ein paar Fans auf ihrer Favoritenliste hatten, und der wie erwartet mit reiner Leistung und Originalität bestach! Verehrtes Universal-Music, wenn das also möglich ist, dann bitte mehr davon und stattdessen keinen Castingmüll mit Social-Media-Kampagne mehr.
Der Kommentator Peter Urban hat die Zuschauer mehrere Male beschwichtigt, dass Lena nie wieder am Song Contest teilnehmen würde. Abgesehen davon, dass sie schon - wenn auch scherzhaft, aber man weiss ja nie - andeutete, im nächsten Jahr als Komponistin zurückzukehren, lenkt diese Beschwichtigung vom eigentlichen Problem der Lena-Kampagne ab, denn das ist nicht Lena Meyer-Landrut. Es war die Penetranz, mit der uns dieser künstliche Hype um ein Testimonial ausschließlich zugunsten der Privatwirtschaft fast 2 Jahre lang um Augen und Ohren gehauen wurde. 20x Lena, d. h. 20x das gleiche Motiv bei verschwindend geringen Einschaltquoten, da erübrigt sich die Frage nach der Qualität - und im Sinne der Rundfunkgebührenzahler eigentlich auch nach der Fortführung dieses Konzeptes.
Im Großen und Ganzen bot Düsseldorf von der Organisation, über Arenaausschmückung bis hin zur Moderation einen unterhaltsamen und professionellen Eurovision Song Contoest. Sie dürfen genauso stolz sein wie die Aserbaidschaner!
Aber für mich war es kein Contest aus Deutschland, sondern eben aus Westdeutschland. Irgendwie sieht es aus Berliner Perspektive so aus, als wäre die Wiedervereinigung noch nicht in Düsseldorf angekommen. Opening Act, deutscher Beitrag und Pausenact hörten sich immer noch nach unbezaubernder amerikanischer Besatzungszone an. Statt Jan Delay hätten für meinen Geschmack genauso gut z. B. Dirk Michaelis, Hans Eckard Wenzel, Polarkreis 18, Silly oder oder oder... die Pause bestreiten können.
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