Weil die Ergebnisse der letzten Song Conteste nicht ganz den Vorstellungen der Organisatoren entsprachen, haben sie sich 2009 gegen das Publikum positioniert und für die Wertung im Finale die Jurys wieder eingeführt, die jetzt das Ergebnis zur Hälfte mitbestimmen. Damals hat mich u. a. die Begründung gestört: Von Diaspora-Wertung und Ost-Mafia war vielfach die Rede.
Jetzt wurde die Jury auch für die Semifinale wieder eingeführt, diesmal mit der Begründung, dem Wunsch vieler Fans und Journalisten entgegenzukommen. Sehen diese etwa im guten Abschneiden von Norwegen und Island die alte Ordnung wieder hergestellt? Ich möchte nicht glauben, dass diese Art Schadenfreude und Chauvinismus ausschlaggebend gewesen sein könnte…
Tabubrüche
Verdrängt wird gerne, dass Deutschland 1998 mit genau dieser Diaspora-Strategie den Anfang machte. Gemeinsam mit der Telekom wurde versucht, das Votingaufkommen mit dem polarisierenden Beitrag „Piep, piep, piep, Guildo hat euch lieb“ von Quertreibern wie Raab und Horn zu puschen. Gerne wieß man darauf hin, dass die Fans mit Handys in die Schweiz, die Niederlande, nach Dänemark und Polen bis nach Mallorca gereist seien. Fazit 10 Jahre später: Dumm gelaufen.
Auch könnte man vermuten, dass sich die Telefonabstimmungen für die Telefongesellschaften nicht mehr rentieren, seitdem sie alle Verbindungen ½ Jahr zu speichern haben (Vorratsdatenspeicherung). Fans rufen gerne locker 25x für ihre 7 Lieblingsländer an. Das kostet und niemand kann mit den Daten etwas anfangen. Außer Aserbaidschan, das als erstes Land offen Gebrauch von gespeicherten Daten machte und damit ans Tageslicht brachte, was die westlichen Länder gerne unter den Teppich gekehrt hätten, nämlich anlasslos in die Grundrechtspositionen sämtlicher Nutzer elektronischer Dienste einzugreifen zu dürfen. (1)
Kompetenz ok, Neutralität Glücksache?
Meine Einstellung zur Jury bleibt 50 : 50. Jurys fordern m. M. nach beim Publikum eine Distanz zur Show heraus, und die kann nicht schaden. Ein paar Fachkräfte aus der Musikindustrie pro Land sollen jetzt die Jury stellen und diese dürfen zu 50% Einfluss auf das Ergebnis nehmen. Sollte die engere Einbindung der Musikindustrie zur Folge haben, dass nun nicht mehr ausschließlich contestspezifische 3-Minuten-Acts, sondern markttaugliche Popmusik dargeboten wird, fände ich das ok. Aber führt eine aus der Musikindustrie zusammengestellte Jury nicht eher dazu, dass transnationale Musikkonzerne ihre Standortvorteile nutzen und von Vertretern ihrer Tochterunternehmen ihre eigenen Produkte bepunkten lassen? Dann wäre die Jury-Abstimmung eine öffentlich zelebrierte Lachnummer.
(1) aus gg. Anlass zur Vorratsdatenspeicherung: Der rumänische Verfassungsgerichthofs hat am 08.10.09 die verdachtslose und flächendeckende Aufzeichnung der Telekommunikationsverbindungen und Handystandorte der gesamten Bevölkerung wegen Verletzung des Fernmeldegeheimnisses als verfassungswidrig verworfen.
Posts mit dem Label Eurovision; Song Contest; Telefonvoting; T-Vote-Call; Fankultur; Jury werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
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Freitag, 16. Oktober 2009
Dienstag, 26. Mai 2009
Jury? Warum eigentlich nicht?
Dieses Jahr hat die Jury beim Eurovision Song Contest ihr Comeback gefeiert. Zu 50% hatten sie Einfluss auf das Endergebnis. Hat sich dadurch etwas am Ergebnis verändert? Vielleicht. Die Wiedereinführung finde ich zwar einfallslos, wenn man aber den Contest über viele Jahre hin verfolgt, kann ich rück- und vorwärts blickend der Jury auch viel Gutes abgewinnen.
Wer erinnert sich noch an Tony Marschalls Lied "Der Star"? Es war der vom Publikum mittels Postkarten ermittelte Sieger der Vorentscheidung von 1976. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass das Lied so neu nicht war. Der Sieger wurde disqualifiziert, Ralph Siegel als Zweitplatzierter rückte nach und fuhr zum Song Contest. Das war nun das Ergebnis einer Publikumsabstimmung? Irgendwie war immer Jury.
Ach, was hätte ich diesem "Star" doch damals beim Contest die Daumen gedrückt, wie zuvor schon Katja Epstein, Mary Hopkins oder Mary Roos... damit er vor der unberechenbaren Jury bestehen möge. Hand auf's Herz: Hat das Telefonvoting nicht letztenendes genau diese naive Spannung vertrieben? Und hat sich nicht vor allem das Verhältnis zum Star verändert, seitdem Zuschauer als Telefonvoter zu Mitgestaltern der Sendung wurden?
Vom intimen Starkult zu entsolidarisierenden Hypes
Mit seiner Einführung seit 1997 rückte der Wettbewerbscharakter zugunsten der Musik ins Zentrum des Medieninteresses. Angefeuert wurde der "Telefonier-Wettbewerb" mit polarisierenden Musikstücken wie "Piep, piep, piep, Guildo hat euch lieb" oder "Wadde hadde dude da?", durch Hypes aus Schweden oder Israel, schließlich zeigte uns selbst das durch die Jury erfolgsverwöhnte Irland in Belgrad den Vogel (Dustin). Bei mir stellte sich der Eindruck ein, dass diese Acts als Appelle an Spaß und Schadenfreude den "Star" nur noch vorführten.
Weitere negative Folgen wurden hinlänglich diskutiert. Sie übrigens nur dem Publikum anzulasten, halte ich für eine Frechheit. Dennoch eine kleine Zusammenfassung:
Bekannte Künstler wagten angeblich die Teilnahme nicht mehr, sie sahen sich auf der Bühne der völligen Unberechenbarkeit ausgeliefert. (So sind nun mal die kapitalistischen Marktbedingungen, aber was soll's.) Der Musik wurde Effekthascherei vorgeworfen, was als Qualitätsverlust verstanden wurde. Unter Fans nahm ich wahr, dass ein intimer Starkult mehr und mehr durch entsolidarisierende Hypes ersetzt wurde. In der Illusion der Einflussnahme im Rahmen einer ausgeklügelten Kundenbindungsstrategie ist die Frustration vorprogrammiert. Denn wie groß ist der Einfluss eines einzelnen? Wie viele Türken lassen sich überreden, für den deutschen Beitrag anzurufen? Sollte die Schwulen-Community nicht jedenfalls beim schwedischen Beitrag fest zusammenhalten? Fragen über Fragen... Letztenendes blieben die beliebten Stars aus, und die ständige Genese und Demontage von Wegwerf-Stars ermüdete.
Eine weitere bereits hier erwähnte Folge des Telefonvotings und der Einbindung zum aktiven Mitspieler ist die vollständige Vereinnahmung und Kommerzialisierung der Fankultur und der fanspezifischen Rezeption. (s. Blogtext 2008 "Früher war alles besser")
Die Jury schafft Distanz
Betrachtet man die negativen Folgen, liegen die positiven Folgen für die Fans auf der Hand. Die Jury schafft Distanz. Ohne dass Fans ihr Partizipationsverständnis aufgeben müssen, können sie die kritische Distanz zum Geschehen wieder für sich behaupten. Damit können auch Urteil und Engagement der Fans nicht mehr komplett von den Organisatoren vereinnahmt werden. Die Chance besteht jetzt darin, das Verhältnis zum Star und zur Musik selbstbestimmter zu gestalten und endlich das Engagement außerhalb der Show professioneller zu pflegen. Ziel könnte schließlich sein, dass Fanclubs einen eigenen Beitrag für den Eurovision Song Contest ermitteln.
Wer erinnert sich noch an Tony Marschalls Lied "Der Star"? Es war der vom Publikum mittels Postkarten ermittelte Sieger der Vorentscheidung von 1976. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass das Lied so neu nicht war. Der Sieger wurde disqualifiziert, Ralph Siegel als Zweitplatzierter rückte nach und fuhr zum Song Contest. Das war nun das Ergebnis einer Publikumsabstimmung? Irgendwie war immer Jury.
Ach, was hätte ich diesem "Star" doch damals beim Contest die Daumen gedrückt, wie zuvor schon Katja Epstein, Mary Hopkins oder Mary Roos... damit er vor der unberechenbaren Jury bestehen möge. Hand auf's Herz: Hat das Telefonvoting nicht letztenendes genau diese naive Spannung vertrieben? Und hat sich nicht vor allem das Verhältnis zum Star verändert, seitdem Zuschauer als Telefonvoter zu Mitgestaltern der Sendung wurden? Vom intimen Starkult zu entsolidarisierenden Hypes
Mit seiner Einführung seit 1997 rückte der Wettbewerbscharakter zugunsten der Musik ins Zentrum des Medieninteresses. Angefeuert wurde der "Telefonier-Wettbewerb" mit polarisierenden Musikstücken wie "Piep, piep, piep, Guildo hat euch lieb" oder "Wadde hadde dude da?", durch Hypes aus Schweden oder Israel, schließlich zeigte uns selbst das durch die Jury erfolgsverwöhnte Irland in Belgrad den Vogel (Dustin). Bei mir stellte sich der Eindruck ein, dass diese Acts als Appelle an Spaß und Schadenfreude den "Star" nur noch vorführten.
Weitere negative Folgen wurden hinlänglich diskutiert. Sie übrigens nur dem Publikum anzulasten, halte ich für eine Frechheit. Dennoch eine kleine Zusammenfassung:
Bekannte Künstler wagten angeblich die Teilnahme nicht mehr, sie sahen sich auf der Bühne der völligen Unberechenbarkeit ausgeliefert. (So sind nun mal die kapitalistischen Marktbedingungen, aber was soll's.) Der Musik wurde Effekthascherei vorgeworfen, was als Qualitätsverlust verstanden wurde. Unter Fans nahm ich wahr, dass ein intimer Starkult mehr und mehr durch entsolidarisierende Hypes ersetzt wurde. In der Illusion der Einflussnahme im Rahmen einer ausgeklügelten Kundenbindungsstrategie ist die Frustration vorprogrammiert. Denn wie groß ist der Einfluss eines einzelnen? Wie viele Türken lassen sich überreden, für den deutschen Beitrag anzurufen? Sollte die Schwulen-Community nicht jedenfalls beim schwedischen Beitrag fest zusammenhalten? Fragen über Fragen... Letztenendes blieben die beliebten Stars aus, und die ständige Genese und Demontage von Wegwerf-Stars ermüdete.
Eine weitere bereits hier erwähnte Folge des Telefonvotings und der Einbindung zum aktiven Mitspieler ist die vollständige Vereinnahmung und Kommerzialisierung der Fankultur und der fanspezifischen Rezeption. (s. Blogtext 2008 "Früher war alles besser")
Die Jury schafft Distanz
Betrachtet man die negativen Folgen, liegen die positiven Folgen für die Fans auf der Hand. Die Jury schafft Distanz. Ohne dass Fans ihr Partizipationsverständnis aufgeben müssen, können sie die kritische Distanz zum Geschehen wieder für sich behaupten. Damit können auch Urteil und Engagement der Fans nicht mehr komplett von den Organisatoren vereinnahmt werden. Die Chance besteht jetzt darin, das Verhältnis zum Star und zur Musik selbstbestimmter zu gestalten und endlich das Engagement außerhalb der Show professioneller zu pflegen. Ziel könnte schließlich sein, dass Fanclubs einen eigenen Beitrag für den Eurovision Song Contest ermitteln.
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