Sonntag, 1. Juli 2012

Fernreisen mit youtube - Vom afghanischen Traum zum amerikanischen Alptraum

Mozhdah Jamalzadah
N o r m a l.  Ein Adjektiv, dass in unserer Popkultur gleichbedeutend ist mit "unterdurchschnittlich", dürfte in anderen Ländern einen unschätzbaren Wert zum Ausdruck bringen. Z. B. in Ländern wie Afghanistan, das sich seit fast 35 Jahren im Kriegszustand befindet. Die Afghanen von ihrem unnormal tristen Alltag wegzuführen, ihnen Trost zu spenden und Mut zuzusprechen, hat sich die Sängerin Mozhdah Jamalzadah zur Aufgabe gemacht. Und dies u. a. mit dem Mittel der eingängigen (zweisprachigen) Unterhaltung, also schlicht, aber dennoch ergreifend:



Wer ist Mozhdah Jamalzadah?
 Es ist schwierig, Genaueres zu erfahren, da die Angaben biografischer Daten nicht eindeutig sind. Was sich im Internet in Erfahrung bringen lässt, skizziere ich kurz: Mozhdah wurde 1985 in Kabul als Tochter eines Universitätsprofessors geboren. Als sie 5 Jahre alt war, mussten ihre Eltern Kabul verlassen, sie flohen über Pakistan nach Kanada, wo Mozhdah aufwuchs. Sie studierte kurze Zeit Philosphie und Politik, startete eine Ausbildung zur Journalistin und verdiente ihr Geld als Model, Gerüchten zufolge auch als Stripperin. Mit dem verdienten Geld finanzierte sie sich Gesangsunterricht und probierte ihr Glück bei "Canadian Idol", aber vergeblich. Als 2008 vier kleine afghanische Mädchen auf dem Weg zur Schule fast mit dem Leben bezahlen mussten, widmete Mozhdah ihnen den Song "Dukhtar-E-Afghan", und wurde damit auf youtube über Nacht berühmt. So berühmt, dass Barack Obama sie ins Weiße Haus einlud.

2009 bekam Mozhdah von Fahim Hashimy, Millionär und Begründer des afghanischen Privatsenders 1TV, das Angebot, eine eigene Show zu moderieren. Sie folgte dem Ruf in ihre Heimat, und rief dort die "Mozhdah Show" ins Leben, in der USA galt sie fortan an als die afghanische Oprah Winfrey. Ihr Ziel war, mit Hilfe einer Talkshow die Meinungsfreiheit und die Emanzipation der Frau durchzusetzen; in den Pausen präsentierte sie Pop- und Folkmusik in afghanischer und englischer Sprache.

In dieser Talk-Show traten jedoch keine "Betroffenen" auf, sondern es wurden Sketche aus dem alltäglichen Leben vorgeführt. Von Kinderarbeit und Kindesmissbrauch oder Gewalt gegen Frauen (alles in Afghanistan geduldet) gab es kaum ein Tabuthema, welches Mozhdah in ihrer Show nicht aufgriff. Gewarnt wurde sie aber erst, als sie das Thema Scheidung ankündigte. Ihre liberalen Ansichten und ihre un-islamische Kleidung riefen nicht nur den Zorn der Kleriker hervor, sondern auch die Sorge der Fans. Schließlich wurde eine Sendung ohne Schleier sogar vom Intendanten kurzfristig abgebrochen. Alle erinnerten sich an die Morde an die Moderatorin Shaima Rezayee und die Journalistin Zakia Zaki, und so machte Mozhdah Kompromisse. Im Spannungsfeld zwischen Popkultur und Taliban bewaffnete sie sich und verließ ohne Bodyguard nicht mehr das Haus - weder in Afghanistan noch in Kanada.


"David gegen Goliath"
Mir sind diese Kämpfe "David gegen Goliath" sympathisch, und Mozhdahs naive Kampflust fand ich als ferne Beobachterin natürlich unterhaltsam. Obwohl ich kein Wort verstand, habe ich ihre Auftritte - auch Mozhdah als Mitwirkende in der Sendung Afghan Star, über die schon 2009 das ZDF begeistert berichtete - ab und zu mit Interesse und Freude auf youtube verfolgt: Mozhdah in hautenger Kleidung und Highheels, und mit einem Haarreif (s. Video), der ihr die Burka ersetzen sollte. Mindestens so interessant wie Show und Gäste war das fantastische Publikum, vor allem die Männer. Während die einen vor Begeisterung tobten (laut hören und sich mitreißen lassen!) wirken andere Mienen eher fassungslos (siehe ab 02:35).

Im April 2011 dann die Meldung, dass Mozhdah Jamalzadah erschossen worden sei, was sich zum Glück als eine Falschmeldung herausstellte. Die Morddrohungen wurden allerdings so drastisch und offiziell, dass die kanadische Regierung ihr die Reisen nach Afghanistan verbieten musste. Kurze Zeit später scheint sich auch Karzai wieder der Taliban zu nähern, was für Mozhdahs Talkshow das Aus bedeutet:



Mozhdah: "I feel so alone in this."
Sind Menschenrechte in Afghanistan kein Thema? Dann bekommt Mozhdahs ehrenwerter Einzelkampf, ihr Engagement und ihre Courage auch was Törichtes. Glaubte sie ernsthaft, dass sich strenggläubige Islamisten mit amerikanischer TV-Bespaßung von einer blondierten Hostess überrumpeln kassen? 

Wenn ich mir zudem in Erinnerung rufe, dass ihr Weg nach Afghanistan durch das Weiße Haus ging, und sie von dort wohl nicht nur mental unterstützt wurde, vertauschen sich die Rollen von David und Goliath. Aus dieser Perspektive wirkt Mozhdah wie ein auf meine westlichen Bedürfnisse zugeschnittener Popstar, wie die afghanische Version einer Lady-Gaga-Regierungspropaganda. Einfach unnormal. Würde mich nicht mal wundern, wenn sie von so manchem Afghanen sogar als eine Art psychologische Kriegsführung wahrgenommen wurde. 


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