Mittwoch, 1. April 2009

Bis jetzt können wir uns nicht beklagen

So viele international bekannte Namen haben lange nicht bzw. haben noch nie auf einmal am Eurovision Song Contest teilgenommen wie in diesem Jahr in Moskau. Patricia Kaas für Frankreich, Arash für Aserbaidschan, Noa und Mira Awad für Israel, Malena Ernman für Schweden… und als wohl bekanntester Verantwortlicher für den Länderbeitrag gilt der Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber für Großbritannien. Sicherlich suggerieren diese Namen keinen innovativen aber dafür einen soliden Jahrgang.

Kann Webber dem Contest neue Impulse geben?

Nach zahlreichen Niederlagen für Großbritannien wurde
Andrew Lloyd Webber von der BBC beauftragt, UK’s Song-Contest-Ruf wieder herzustellen. Obwohl zunächst den Kopf schüttelnd, bin ich mittlerweile von seiner Teilnahme angetan und denke, dass gerade er als berühmter Komponist und Musiker dem Eurovision Song Contest jetzt schon ein paar nötige Impulse gegeben hat.

Monate bevor Lied und Interpret überhaupt angedacht waren, machte er mit einer Aufwartung bei Putin von sich Reden. In Fankreisen war dies durchaus umstritten, denn die Putin-Besuche wurden als korrupt empfunden. Webber: „He bored into me with those blue eyes, but in the end it was me who had to bring it to a close. We had been there about an hour and 40 minutes. He was going on and on and on. I thought the BBC would be running out of film“. (Daily Mail v. 25.01.09)1
OK!

Von Anfang an transparentes Arbeiten

Statt wie ein abgeschirmtes Genie in endlos ausgezerrten Nächten ein pathetisches Wunderwerk zu kreieren, reichte ein 2-stündiges Gespräch mit Frau Warren: „’My Time’ took just two hours to complete. It would be good to say it took us a whole week of much agony and rewriting, but it didn't.[…] I'd had an idea for it and I played Diane what I thought was the chorus. She said, "No, I don't think you've got a chorus, I think it's a verse." I thought, "Oh dear, this is a bad start." But once I got over that we had pretty much done it. So the whole thing took about two hours.” (Daily Mail v. 25.01.09)2
Wie sympathisch!

Im Februar 2009 wurde für das von Andrew Lloyd Webber und Diane Warren geschriebene Lied ‚It’s my Time“ in einer Art DSDS die passende Sängerin ermittelt: Jade Ewen. Seitdem tourte er mit seiner Kandidatin durch Europa. Alldieweil sie sich schon mal beim europäischen Publikum bekannt machte und den großen Auftritt übte, gab er Tipps und optimierte den Song entsprechend. Die endgültige Fassung der Studioversion datiert zwar vom 23.03.2009, aber ich denke, Überraschungen sind immer noch drin.

Dass er das Publikum durchgehend an seiner Strategie und an der Entwicklung von Lied und Auftritt – er wird übrigens auf Wunsch von Jade in Moskau auf der Bühne Klavier spielen – teilnehmen lässt, rechne ich ihm hoch an. Nachdem ich mehrere Auftritte von Jade auf youtube mitverfolgen konnte, werde ich ihr im Finale nämlich die Daumen drücken. Auch bekommt man ein Gefühl dafür, dass spröde Auftragsarbeit auch für einen Profi Arbeit ist und dass auch ein Webber keine Geschenke erwartet.

Bekanntheits-Bonus ausnutzen?

Einige Fans befürchten, dass allein schon Webber’s weltbekannter Name anderen Teilnehmern die Chance auf den Sieg nimmt. Aber ist das Webber’s Absicht?

Was sonst als Empörung, Kränkung oder Verschwörung zu verstehen wäre, offenbart uns Webber mit feinem englischen Humor: “I think the BBC would be appalled if we won, however, because they would have to cough up for the entire staging the following year. Since it's costing Russia about £25 million this year, I think I might be through out of the country if the song becomes a hit. Poor Ireland (RTE) was virtually bankrupted when it won all those years in succession. My quest is to come second.“ (esctoday.com)3

Da haben wir’s! Was ich schon seit Jahren vermutete, jetzt ist raus: Die Teilnahme eine Farce, und das gilt wohl nicht nur für GB. Einen Dank an Sir Webber, diese Farce zu entlarven. Und jetzt müsste er gewinnen!

Und genau das gefällt mir an Webber’s Strategie: Mit seinem Aufwand und seinen Statements biedert er sich nirgends an, sondern hebt eher Wettbewerbscharakter wieder hervor und bringt damit den Konkurrenten, dem Publikum wie auch dem Gastgeber Russland Respekt und Höflichkeit entgegen. Ich meine sogar, dass Webber für seinen optimalen Auftritt gerne das große Live-Orchester zurückhaben wollte. Hallo! Da spricht nicht der Betriebswirtschaftler einer x-beliebigen Rundfunkanstalt, da spricht der wahre Musiker!



Quellen:

1 und 2)
http://www.dailymail.co.uk/tvshowbiz/article-1127216/We-wrote-Eurovision-song-hours-says-Lloyd-Webber.html

3)
http://www.esctoday.com/news/read/12805?id=12805&offse
t=27

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Seltsame Haltung, eine Teilnahme gleich als "Farce" abzutun, wenn man nicht gewinnen will. Es kann doch auch andere Gründe haben, mitzumachen. Du lässt aber nur EINEN Grund gelten - nämlich siegen zu wollen. Das ist mir zu verkrampft!

Dominik Hennig hat gesagt…

Für mich gab es auch zwei riesige Entdeckungen bei diesem Grand Prix: Neben Alexander Rybak aus Norwegen war das ganz klar Jade Ewen aus Großbritannien:

http://dominikhennig.blogspot.com/2009/05/rule-britannia.html